Beda M. Stadler

geboren 1950 in Visp (VS), ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts fur Immunologie an der Universitat Bern. Er ist bekannt fur seine bissigen Aussagen zu medizinischen sowie gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen.

Kolumne vom 25.10.2018

Wie viel darf es sein?

Kaufe ich Käse, setzt der Verkäufer sein Messer meistens mit den Worten «Wie viel darf es sein?» etwas grosszügiger an, als ich mir wünsche. Als Gourmand habe ich eigentlich nichts dagegen, aber da ich den Käse bezahlen muss, wähle ich meist ein kleineres Stück. Ich bin dem Verkäufer nicht böse, schliesslich konnte ich mich wehren. Im Gesundheitswesen gibt es dieses Marktprinzip aber nicht. Von Gesundheit kriegt man nie genug, weshalb ich als Patient das grössere Käsestück gewählt hätte.

Nachdem sich der Aberglaube an Markt und Konkurrenz im Gesundheitswesen nach den vielen Jahren des Misserfolgs etwas legt, sind sich Politiker nun einig, dass man die Kosten mit kapitalistischen Methoden nicht in den Griff kriegt. Die neusten Vorschläge für eine Kostenbremse strotzen trotzdem nur so von Blauäugigkeit und erinnern eher an stalinistische Methoden. Globalbudgets sind ein anderer Name für 4-Jahres-Pläne, und die Prämiendeckelung wird dazu führen, dass am Ende alle bloss einen Trabant fahren.

«Von Gesundheit kriegt man nie genug, weshalb ich als Patient das grössere Käsestück gewählt hätte.»

Ironischerweise ist man sich einig, weshalb es kein erfolgreiches Modell gibt, um die Kostenexplosion in den Griff zu kriegen. Zu viele Faktoren würden eine Rolle spielen. Vielleicht kann man aber diese Faktoren unter einem Wort zusammenfassen: Gier. Die Selbstverantwortung wird nämlich von der Gier erdrückt. Die Gier hat noch vor nicht allzu langer Zeit unser Bankensystem erschüttert, und seither leiden die Banken unter ihrem Imageverlust.

Im Gesundheitswesen hat man auch versucht, den Gierigsten blosszustellen. Anfänglich waren es die Ärzte, dann die Pharmaindustrie oder die Spitäler. Richtigerweise hat bis heute der Schwarze Peter bei allen Beteiligten des Gesundheitswesens einmal haltgemacht. Allerdings habe ich noch nie ein «mea culpa» gehört!

Die Lösung wäre einfach. Wir organisieren eine grosse Konsensuskonferenz mit zwei Zielen. Erstens: Alle Beteiligten erklären sich bereit, die eigene Gier zu reduzieren. Der Bund geht dabei mit gutem Beispiel voran und senkt Gebühren, Bürokratie und Steuern im Gesundheitswesen. Alle andern suchen die Selbstverantwortung im Geldsack. Zweitens: Man einigt sich, dass eine jährliche Steigerung der Kosten im Gesundheitswesen eine gute Sache ist. In einem Land, in dem jeder gesund sterben will, sind Gesundheitskosten logischerweise höher als die freiwilligen Ausgaben für Ferien, Wellness, Handy, Mode oder Biogemüse. Damit haben künftig nur noch die Kranken einen Grund zum Jammern, nicht aber Gesunde, die vom Gesundheitswesen profitieren.

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