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«Reserven sind zu viel bezahlte Prämiengelder»

Die Reserven über tiefere Prämien, Rückerstattungen oder gar Verluste für die Krankenversicherer abbauen? Gewerkschaftsbund-Ökonom Reto Wyss und CSS-Finanzchef Armin Suter sind sich in dieser Frage nicht einig.

Reto Wyss, Zentral­sekretär Ökonomie beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB

Armin Suter, Finanzchef der CSS

Patrick Rohr, Journalist und Fotograf

9. Juni 2022

Patrick Rohr: Klären wir das gleich vorweg: Sind Sie beide der Meinung, dass über 12 Milliarden Franken Reserven zu viel sind?
Armin Suter: Das würde ich auf jeden Fall unterschreiben. Zwei Gründe haben zu dieser Situation geführt: Einerseits hatten wir gleich mehrere gute Kapitalanlagejahre, andererseits waren im ersten Pandemiejahr 2020 die Leistungskosten viel tiefer, da viele Behandlungen nicht durch­geführt wurden und die Leute weniger oft zum Arzt gingen.
Reto Wyss: 12 Milliarden sind auf jeden Fall zu viel, zumal Reserven nichts anderes sind als zu viel bezahlte Prämiengelder. Das Geld gehört also den Leuten. Wichtiger als die Spezialeffekte, die Herr Suter erwähnt hat, ist eine andere Erkenntnis: Reserven werden ja gerade für Ereignisse wie eine Pandemie gebildet. Jetzt haben wir eine solche Riesenkrise und man braucht die Reserven nicht, man konnte sie im Gegenteil sogar weiter anhäufen! Das ist der letzte Beweis, dass wir diese riesige Goldgrube nicht einmal im Krisenfall brauchen. Deshalb müssen die Reserven abgebaut werden, sofort.

Patrick Rohr: Indem man allen Menschen in der Schweiz einmalig 500 Franken zurückbezahlt, wie es der Gewerkschaftsbund fordert?
Reto Wyss: Der Vorschlag ist etwas zugespitzt, zugegeben, aber es ging uns vor allem darum, zu zeigen, von welcher Grössenordnung wir reden. Gehen wir von der inzwischen gesetzlich erforderlichen Solvenzquote von 100 Prozent aus, wäre der Betrag sogar noch höher: Mittlerweile wären es 738 Franken pro Kopf. Wie man eine solche Rückzahlung technisch genau abwickeln würde, müsste man im Detail noch ausarbeiten. Aber vom Volumen her entspräche dieser Betrag den überschüssigen 6,4 Milliarden.

Patrick Rohr: Herr Suter, was halten Sie von diesem Vorschlag?
Armin Suter: Die Idee klingt bestechend, aber sachlich gesehen ist sie eine Schnapsidee. Herr Wyss hat ja selbst eingeräumt, dass die technische Abwicklung nicht ganz einfach wäre. Man müsste zuerst einmal auf die Finanzlage jedes einzelnen Versicherers Rücksicht nehmen und diese Finanzlage ist höchst unterschiedlich. Es gibt unter den knapp 50 Krankenversicherern solche, die nicht einmal 500 Franken Reserve pro Kopf haben. Wenn diese Kassen allen Versicherten 500 Franken ausbezahlen müssten, wären sie sofort Konkurs.
Reto Wyss: Ich gebe Ihnen recht: Vor allem kleine Kassen, die risikomässig völlig anders aufgestellt sein müssen als die grossen, haben zum Teil horrende Solvenzquoten, manche über 600 Prozent. Aber uns interessiert das Gesamtsystem KVG und da würde es prinzipiell funktionieren. Es bräuchte einfach so etwas wie einen Reservepool, der bei der gemeinsamen Einrichtung KVG angesiedelt ist, dann wäre das Risiko verteilt über das ganze System – und schon allein dadurch könnten wir die Reserven noch weiter senken.
Armin Suter: Jetzt müssen wir erst einmal mit dem real vorhandenen System arbeiten und in diesem System ist eine Poollösung nicht vorgesehen.
Reto Wyss: Sie ginge halt in Richtung Einheitskasse und das gefällt Ihnen natürlich nicht.
Armin Suter: Die Bevölkerung hat zu diesem Thema schon verschiedentlich Stellung genommen, und zwar immer klar ablehnend.

«In einer Sozial­versicherung dürfte so etwas nicht der Willkür des Kassenmanagements ausgesetzt sein.»

Reto Wyss

Patrick Rohr: Dass die Rückverteilung nach der Idee des Gewerkschaftsbundes obligatorisch wäre, stört Sie nicht, Herr Suter?
Armin Suter: Doch, natürlich. Wir sind für ein freiheitliches System und dieses funktioniert auch, wie das vergangene Jahr gezeigt hat: 14 Krankenversicherer haben auf die letzte Prämienrunde hin freiwillig einen Reserveabbau gemacht, im Jahr davor war es erst einer.
Reto Wyss: Ja, aber die Rückerstattungen sind insgesamt im kosmetischen Bereich. 2021 betrugen sie gerade einmal 400 Millionen Franken, das ist noch weit weg von der Grössenordnung, von der wir reden.
Armin Suter: Die neuen Rahmenbedingungen lassen nicht nur einen viel grösseren Reserveabbau zu, sondern machen auch möglich, dass die Prämien viel knapper kalkuliert werden. Bisher mussten die Prämien kostendeckend sein, jetzt darf man sogar einen Verlust kalkulieren und das machen die Versicherer auch. Ich denke, dass wir bis Ende 2022 einen Verlust von insgesamt einer Milliarde Franken einfahren werden, was ein ziemlich grosser Brocken ist. Und da sich das Ganze noch beschleunigen wird, werden die Reserven in einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren komplett abgebaut sein.

Patrick Rohr: Schauen wir konkret die Zahlen der CSS an: Sie haben Reserven von 1,3 Milliarden Franken, was einer Solvenzquote von 203 Prozent entspricht. Über Prämienverbilligungen haben Sie bis jetzt erst 90 Millionen zurück­gegeben.
Armin Suter: Das ist korrekt, aber man darf nicht nur den Betrag für die eigentliche Rückzahlung anschauen, also die 90 Millionen, sondern eben auch den Verlust, den wir miteinkalkulieren, und dieser Verlust ist noch einmal etwa in der gleichen Grössenordnung. Unser Plan ist auf fünf Jahre ausgelegt, bis dahin sind die Reserven abgebaut.

Patrick Rohr: Das klingt doch vernünftig, Herr Wyss?
Reto Wyss: Erstens: Die CSS könnte noch mehr machen. Zweitens machen es leider nicht alle Kassen so. Und drittens, und das ist der fundamentale Punkt: In einer Sozialversicherung dürfte so etwas nicht der Willkür des Kassenmanagements ausgesetzt sein. Wenn jemand zehn Jahre unter zu hohen Reserven gelitten hat und dummerweise ein Jahr zu früh die Kasse gewechselt hat, bekommt er oder sie nichts, das ist ungerecht. Umgekehrt profitiert vom Abbau über Zeit auch jemand, der neu zu dieser Kasse wechselt. Auch das ist ungerecht, weil diese Person ja vielleicht gar nicht unter zu hohen Reserven gelitten hat.

Patrick Rohr: Also sind die die Lackierten, die jahrelang zu hohe Prämien bezahlt haben und dann aus genau diesem Grund zu einer billigeren Kasse wechseln …
Reto Wyss: …wo dann im Jahr darauf die Prämien umso mehr steigen, genau.
Armin Suter: Priorität sollte daher der knappen Kalkulation der Prämien zukommen. Eine Rückzahlung von Reserven ist als subsidiäre Massnahme zu betrachten. Zudem sind wir zum Beispiel für verbesserte Spielregeln im kommunikativen Bereich. Die Kommunikation über den Reserveabbau erfolgte bei einigen Kassen erstaunlich früh. Wir finden, dass die Kommunikation erst zu einem gewissen Zeitpunkt erfolgen darf, genauso, wie wir die Prämienhöhe ja auch nicht vor Ende September kommunizieren dürfen. Damit würde ein Missbrauch verhindert.

Patrick Rohr: Die CSS musste ihre zwei günstigsten Kassen auf Anfang dieses Jahres zusammenlegen, weil Sie mit den tiefen Prämien nicht genügend Reserven aufbauen konnten, Herr Suter. Ist die Zeit der Billigkassen vorbei?
Armin Suter: «Müssen» ist falsch, die Zusammenlegung war von langer Hand geplant.
Reto Wyss: Die Solvenzquote betrug bei beiden weit unter 100 Prozent.
Armin Suter: Aber erst im Jahr 2021, davor waren beide deutlich darüber. Der Grund für das Absinken war das grosse Wachstum. Wenn man sehr stark wächst, braucht man plötzlich mehr Reserven, und wenn man die nicht hat, sinkt die Solvenzquote.

«Die Rahmenbedingungen lassen einen viel grösseren Reserveabbau und knappere Prämienkalkulationen zu.»

Armin Suter

Patrick Rohr: Aber das grosse Wachstum erfolgte, weil die Prämien zu tief waren.
Armin Suter: Die Prämien waren tief, ja. Aber wir haben die Zusammenlegung schon vor Jahren auf Anfang 2022 geplant und wir wussten, dass damit das Problem der tiefen Reserven gelöst sein würde, wenn es denn ein Problem gewesen wäre.

Patrick Rohr: Trotzdem: Es zeigt sich, dass das Modell der Billigkassen nicht nachhaltig ist.
Armin Suter: Der Risikoausgleich hat den Wettbewerb wieder auf die richtige Ebene zurückgeführt. Wir haben die Tochterkassen eingeführt, weil wir sonst Versicherte verloren hätten. Im Zuge der Verfeinerungen des Risikoausgleichs ist das jetzt nicht mehr nötig. Aus diesem Grund haben mehrere Konzerne Fusionen durchgeführt. Jetzt können wir uns wieder auf das konzentrieren, was produktiv ist: den Wettbewerb der Modelle, der Servicequalität und der Verwaltungskosten.
Reto Wyss: Das Problem bleibt, dass selbst die billigste Billigkasse für einen Schuhverkäufer oder eine Landschaftsgärtnerin viel zu teuer ist, da auch sie über Kopfprämien finanziert ist. Das einzige soziale Korrektiv, das man im KVG eingeführt hat, sind Prämienverbilligungen, aber die haben fundamental an Bedeutung verloren. Ihr relatives finanzielles Gewicht hat sich in den letzten zwanzig Jahren halbiert, während die Prämienbelastung verdoppelt wurde. Ein solches System ist nicht nachhaltig. Deshalb brauchen wir eine soziale Finanzierung, wie sie unsere Prämienentlastungsini­tiative verlangt. Und wir müssen im Bereich der integrierten Versorgung vorwärtsmachen. Aber das darf nicht der Freiwilligkeit überlassen werden, weil es die grossen Kassen sind, die die grossen integrierten Netzwerke und die grossen Versorgungsmodelle aufbauen können, was zu einer immer grösseren Marktkonzentration führt – zu einer Marktkonzentration mit falschen Eigentumsverhältnissen. Längerfristig würde sich dann alles in Richtung Einheitskasse bewegen, nur leider eine, die nicht demokratisch und politisch reguliert und geführt wird, sondern privatwirtschaftlich.
Armin Suter: (lacht) Die Einheitskasse – die Scheinlösung für alle Probleme im Gesundheitswesen.

Interview: Patrick Rohr

Patrick Rohr: Warum Scheinlösung?
Armin Suter: Ein Monopolanbieter hat immer Effi­zienzprobleme.
Reto Wyss: Nur schon alle Marketing- und Werbekosten fallen weg.
Armin Suter: Ein Monopolist muss sich nicht effizient verhalten, weil er nicht im Wettbewerb steht. Und die Versicherten hätten keine Wahlfreiheit mehr.
Reto Wyss: Ich schätze die Wahlfreiheit beim Einkaufen, wenn ich zwischen zwei Spaghettimarken wählen kann. Aber die Gesundheit ist ein Grundrecht und da ist die Wahlfreiheit nicht matchentscheidend, da will ich einfach schnellstmöglich die beste Behandlung. Und freiheitlich ist die OKP ohnehin nicht, da sie obligatorisch ist. Jede und jeder ist gezwungen, Prämien zu zahlen, jeden Monat. Kopfprämien notabene.

Patrick Rohr: Wenn man schaut, wie viele Kassen in den letzten Jahren fusioniert haben oder eingegangen sind, läuft es tatsächlich auf eine starke Konzentration hinaus.
Armin Suter: Die ist im Gang und sie wird noch weitergehen. Aber wir sind noch lange nicht einmal in der Nähe einer marktbeherrschenden Stellung einzelner Krankenversicherer. Wir werden langfristig ein gut funktionierendes Oligopol haben, ein gutes Dutzend starker Anbieter. Das führt eher zu einer Stärkung des Systems.

Reto Wyss

ist seit 2017 Zentral­sekretär Ökonomie beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB. Seine wirtschafts­wissenschaftlichen Studien absolvierte er an den Universitäten Basel, Lausanne, Bologna und Freiburg i. Br. Danach arbeitete er bei finnischen IT- Unter­nehmen in Ma­na­gement- und Entwicklungsfunktionen.

Armin Suter

ist seit 2017 Finanzchef der CSS. Zuvor war er als CFO für die Nationale Suisse Gruppe und als Leiter IT für die Helvetia Versicherungen tätig. Er absol­vierte einen MAS in Corporate Finance und promovierte an der ETH Zürich.

Patrick Rohr

Patrick Rohr ist Journalist und Fotograf. Er ist Inhaber einer Kommunikations- und Medienproduktionsagentur in Zürich. Bis 2007 war er Redaktor und Moderator beim Schweizer Fernsehen (u. a. «Schweiz aktuell», «Arena», «Quer»).

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