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Pro&Contra: Beat Walti und Flavia Wasserfallen

Braucht es die Zusatzversicherung in Zukunft noch?

Flavia Wasserfallen, Nationalrätin (SP, BE) und Präsidentin DVSP

Beat Walti, Nationalrat (FDP, ZH) und Präsident PKS

21. Juni 2021

Pro

Von Beat Walti

Der Grundgedanke des Gesetzgebers war klar: Die OKP soll für alle Einwohner Zugang und Qualität der medizinischen Versorgung sicherstellen. Auch der medizinische Fortschritt soll abgedeckt sein. Was darüber hinausgeht, soll von den Patienten entweder selbst berappt oder über ihre Zusatzversicherungen abgedeckt werden.

Die Zukunft der Zusatzversicherung

Was auf dem Papier gut aussieht, ist im Laufe der Jahre in eine Schieflage geraten: Durch den Ausbau des OKP-Leistungskatalogs blieb immer weniger Platz für die «klassischen» Zusatzversicherungsleistungen. Mit viel Steuergeld sind in den Spitälern neue Komfortstandards für alle geschaffen worden. Differenzierung herrscht primär noch im Bereich der freien Wahl von besonders reputiertem medizinischem Personal und einigen weiteren Spezialbereichen.

Die persönliche Gesundheit ist für die meisten Menschen das höchste Gut. Die Wahrnehmung des eigenen Gesundheitszustands und -bedürfnisses ist jedoch so unterschiedlich wie die Vorstellung, was im Krankheitsfall nötig und angebracht ist. Wie viel und wie teuren Aufwand sollen die Leistungserbringer betreiben mit welchem Ziel? Und wer soll dafür aufkommen? Diese sehr menschliche Eigenart ruft nach differenzierten Ansätzen. Wer über eine qualitativ hochwertige OKP-Versorgung hinaus weitere Ansprüche an diese Versorgung hat, soll diese erfüllt erhalten –
aber auch den Preis dafür bezahlen.

Heute ist diese gesunde Differenzierung ins Gegenteil verkehrt: Über die OKP müssen alle, unabhängig von ihren eigenen Ansprüchen, auf einem hohen Einheitsniveau versorgt werden, aber die Zahlungsfähigkeit oder -bereitschaft dafür ist längst nicht bei allen Versicherten vorhanden. Darin wurzelt das alljährliche Gezerre um die steigenden Krankenversicherungsprämien in der OKP: Sie ist eine Zwangsversicherung und die Prämien müssen auch von jenen bezahlt werden, die sich gar nie für das heutige Leistungsniveau entschieden haben.

«Die Politik muss den Mehrwert der indivi­duellen Gesundheitsversorgung anerkennen.»

Beat Walti

Was tun? Drei Ansporne, um den nicht obligatorischen Bereich der Gesundheit wiederzubeleben: Transparenz über die Mehrleistungen, Innovation im Produkt und günstigere Rahmenbedingungen. Wenn die Mehrleistungen für die Versicherten nachvollziehbar sind und die «Preisbildung» verstanden wird, steigt der Druck für mehr Qualität und für mehr Differenzierung zwischen den Zusatzversicherungen. Damit sich diese eigenständigen Angebote und Profile entwickeln, braucht es bei Leistungserbringern und Versicherern Menschen mit innovativen Ideen und mit Risikobereitschaft, kurz: unternehmerische Qualitäten. Und es braucht eine Politik, die wieder bereit ist, den Mehrwert der individuellen Gesundheitsversorgung anzuerkennen und die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. 

Contra

Von Flavia Wasserfallen

Über die Zusatzversicherungen kann ich nicht schreiben,
ohne bei der Grundversicherung anzufangen. Ich bin überzeugt, dass die gute Qualität des Schweizer Gesundheitswesens u. a. auf dem breiten Leistungskatalog der OKP basiert, der allen Versicherten in identischer Form offensteht. Nichtsdestotrotz erkenne ich Lücken, namentlich im Bereich der Zahnpflege oder dem Zugang zu gewissen Medikamenten. 2020 wurde ein Bericht des BAG publiziert, der eine Ungleichbehandlung bei Kostengutsprachen zwischen den Krankenkassen aufzeigt. Auch die Patient*innenstellen werden vermehrt mit solchen Problemen konfrontiert. Hier besteht Handlungsbedarf und meine politische Priorität liegt darin, für alle einen gleichberechtigten Zugang zu garantieren. Zudem steigen die Prämien seit Jahren stärker als die Löhne und die Belastung steigt vor allem für den Mittelstand ohne Zugang zu Prämienverbilligungen. Hier gibt es zwei Pisten zu verfolgen: einerseits kostendämpfende Massnahmen und andererseits eine höhere Beteiligung der öffentlichen Hand zur Milderung der Prämienlast. In diese Richtung hat sich erfreulicherweise auch die CSS-Chefin Philomena Colatrella in einem kürzlich publizierten Interview geäussert.

«Die Ausgestaltung der Zusatzversicherungen liegt im freien Ermessen der Kassen. Das führt unweigerlich zu einer Ungleichbehandlung.»

Flavia Wasserfallen

Die Ausgestaltung der Zusatzversicherungen liegt im freien Ermessen der Kassen. Das führt unweigerlich zu einer Ungleichbehandlung, die für mich besonders im Gesundheitswesen heikel ist. Da ältere oder chronisch kranke Menschen ihre Versicherungsdeckung kaum mehr wechseln können, ist der Wettbewerb in diesem Segment eingeschränkt. Ein Missbrauchsschutz ist deshalb von besonderer Bedeutung. Eine Studie des BAG von 2016 hat aufgezeigt, welche Auswirkungen entstehen, weil Patient*innen mit einer Spitalzusatzversicherung für die Spitäler ökonomisch interessanter sind. Bei gewissen Wahleingriffen oder bei Kaiserschnitten könnten bis zu 8 Prozent der Spitalaufenthalte sowie jeder 13. Spitaltag vermieden werden. Umso bedenklicher ist diese Überversorgung, weil sie die OKP belastet und bei einer kürzlich erfolgten Kontrolle der FINMA festgestellt wurde, dass Arzt- und Spitalrechnungen in der Zusatzversicherung zum Teil unbegründet hoch oder ungerechtfertigt erscheinen. Hier wird zu Recht ein stärkeres Controlling durch die Versicherer und wo nötig eine Anpassung der Verträge mit den Leistungserbringern verlangt.

«Braucht es die Zusatzversicherung in Zukunft noch?», lautet die Einstiegsfrage, die hier gestellt wird. Die Bedeutung von Zusatzversicherungen wird wohl abnehmen, aber so oder so müssen sie transparenter und stärker beaufsichtigt werden. 

Flavia Wasserfallen

ist Nationalrätin (SP) und Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit. Seit diesem Jahr ist sie Präsidentin des Dachverbands schweizerischer Patient*innenstellen (DVSP).

Beat Walti

ist Nationalrat (FDP) und Mitglied der Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK-NR). Seit 2017 ist er Präsident der Privatkliniken Schweiz (PKS).

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