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Pro und Contra: Yvonne Feri und Philippe Nantermod

Ist mehr staatliche Regulierung der Schlüssel zur Digitalisierung des Gesundheitswesens?

Yvonne Feri, Nationalrätin SP und Mitglied der SGK-N

Philippe Nantermod, Nationalrat FDP und Mitglied der SGK-N

17. Februar 2022

Pro

Die Digitalisierung bietet für das Gesundheitswesen unbestrittenermassen ein enormes Potenzial zur Steigerung der Effizienz, zur Verbesserung der Dia­gnose- und Behandlungsqualität sowie zur Erhöhung der Patientensicherheit, insgesamt zu einer Erhöhung und Sicherung der Qualität im Gesundheitswesen. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, wobei dem Staat eine zentrale Rolle zukommt. Eine nationale Strategie zur Digitalisierung des Gesundheitswesens ist aus verschiedenen Gründen unabdingbar.

Es braucht gesamtschweizerische Lösungen, an denen sich alle relevanten Akteure verpflichtend beteiligen. Was nützt ein elektronisches Patientendossier (EPD), in dem nur ein kleiner Teil der gesundheitsrelevanten Informationen zu finden ist? Nur wenn die Informationen sämtlicher Leistungserbringer automatisiert im EPD abgelegt werden, bringt dieses tatsächlich einen Mehrwert. Nach dem Debakel mit dem elektronischen Impfausweis ist es nun besonders wichtig, gesamtschweizerische, gut abgestützte digitale Projekte zu lancieren, die erfolgreich sind und die nicht von zentralen Akteuren bekämpft werden. Die Koordination muss auf nationaler Ebene erfolgen.

«Mit einer nationalen Strategie, die alle relevanten Akteure einbindet, kann die Digitalisierung des Gesundheitswesens gelingen.»

Yvonne Feri

Die Digitalisierung des Gesundheitswesens erfordert auch Anpassungen der gesetzlichen Regelungen. Während der Corona-Pandemie zeigte sich beispielsweise, dass fernmündliche psychotherapeutische Behandlungen je nach individueller Situation der Patientinnen und Patienten sehr hilfreich sein können. Damit solche telemedizinischen Behandlungen auch zukünftig angeboten werden können, müssen sie in den Tarifsystemen abgebildet werden.

Von der Digitalisierung des Gesundheitswesens sollen die Patientinnen und Patienten am meisten profitieren. Sie können jedoch nicht die Hauptlast der Kosten tragen. Es braucht deshalb einen finanziellen Ausgleich zwischen den Beteiligten sowie eine Mitfinanzierung durch den Staat.

Die Rahmenbedingungen zur Digitalisierung des Gesundheitswesens befinden sich u. a. wegen der technologischen Entwicklungen im steten Wandel. Mit einem nationalen Monitoring, wie ich es für die Einführung des EPDs gefordert habe (vgl. Postulat 21.4059), können Ziele und Vorgehensweisen regelmässig justiert werden.

Mit einer nationalen Strategie, die alle relevanten Akteure einbindet – und dazu gehören auch Patientinnen und Patienten –, kann die Digitalisierung des Gesundheitswesens in der Schweiz gelingen. Glücklicherweise können wir uns bei unseren Digitalisierungsbestrebungen auch an den Erfahrungen anderer Länder wie beispielsweise Dänemark orientieren.

Contra

Was haben die Autobahn im Oberwallis, das elektronische Patientendossier und die Kernfusion gemeinsam? Alle drei wurden uns schon vor Jahren in Aussicht gestellt, alle drei sollen unüberwindbare Probleme bewältigen und alle drei kommen nie.

Seit Jahren besteht die Hoffnung, dass unsere medizinischen Daten auf einfache Weise weitergeleitet und zwischen Leistungserbringern ausgetauscht werden können. Damit in derselben Situation nicht fünfmal dasselbe geprüft werden muss. Neuerdings ist gar vorstellbar, dass Gesundheitsdaten Supercomputern einst präventivmedizinische Behandlungen ermöglichen.

«Die technologische Entwicklungen werden eher von Google kommen als von der Verwaltung.»

Philippe Nantermod

Während das EPD kurzfristig eine elektronische Version des alten Papierdossiers darstellt, wird es in Zukunft andere Formen annehmen und weit über das blosse Scannen einiger ärztlicher Verordnungen hinausgehen. Treiben Sie Sport? Dann werden Ihre Daten in Zukunft sehr wahrscheinlich eine Rolle spielen bei der Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für einige Hundert Franken können Sie bei amerikanischen Unternehmen auch Ihren DNA-Code sequenzieren lassen und so verschiedene genetische Krankheiten oder eine unglückliche Veranlagung für Diabetes, Krebs oder seltene Leiden frühzeitig erkennen. Verwendbar sind die Informationen zwar noch kaum, der Ansatz ist dennoch interessant und vielversprechend.

Dank der technologischen Entwicklung wird es schon morgen möglich sein, diese Informationen mit weiteren Daten abzugleichen, die vordergründig keine Aussagen zum Gesundheitszustand erlauben. Ihre Einkaufsliste, Ihre Mobilität, Daten zu Ihren Schlafzeiten oder Hobbys. In den Händen von Geheimdiensten ermöglichen diese Informationen die Schaffung eines Superstaates, einer schreckenerregenden Polizei, die von liberal Denkenden rigoros bekämpft werden muss. Anonymisiert und durch intelligente Maschinen ausgewertet, können diese Informationen hingegen vielleicht dazu beitragen, Krankheiten vorzubeugen, unseren Gesundheitszustand zu verbessern und schwere medizinische Eingriffe zu verringern. Von den Gesundheitskosten ganz zu schweigen …

Wie die digitale Gesundheit von morgen aussehen wird, wissen wir heute nicht. Fest steht, dass sich die elektronischen Patientendossiers weiterentwickeln und immer mehr Informationen enthalten werden. Daten, die wir wohlweislich dem Zugriff des Staates oder der Sozialversicherungen entziehen und Dritten anvertrauen, deren Geschäftsmodell auf Vertraulichkeit und IT-Sicherheit beruht. Beschliessen wir heute hingegen, die Schlüssel zur Digitalisierung des Gesundheitswesens dem Gemeinwesen zu überlassen, verzichten wir dauerhaft auf technologische Entwicklungen, die wohl eher von Google kommen werden als von der Verwaltung. Und wir verzichten auf das Vertrauen, das für die Entwicklung unerlässlich ist.

Yvonne Feri

ist Nationalrätin, Präsidentin Stiftung Kinderschutz Schweiz und hat weitere Einsitze in Vorständen/Beiräten aus dem Gesundheits- und Sozialbereich. Sie ist Mitglied der Kommission für soziale Sicher­heit und Gesundheit des Nationalrats (SGK-N).

Philippe Nantermod

ist Vizepräsident der FDP Schweiz und selbstständiger Anwalt. Er ist Mitglied der Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit des Nationalrats (SGK-N).

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