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Papierkrieg, das Übel der modernen Medizin

Die Bürokratie im Schweizer Gesundheitswesen hat das Mass des Sinnvollen längst überschritten. Nur ein Paradigmenwechsel verheisst Besserung.

Yannick Mercier, Anästhesist und medizinischer Direktor des Hôpital du Jura

14. Februar 2023

Patientenakten führen, Rezepte ausstellen, Rechnungen schreiben – diese Aufgaben hinterfragt niemand. Doch die ärztliche Dokumentationsarbeit geht weit darüber hi­naus, wobei der Bezug zur patientennahen Tätigkeit und der Nutzen nicht immer klar sind. Als Ärztinnen und Ärzte müssen wir die Ansprüche zahlreicher, scheinbar unersättlicher Akteure erfüllen. Aufsichtsbehörden, kantonale Gesundheitsdirektionen und das BAG warten ungeduldig auf Papier und Dateien. AVOS (Ambulant vor Stationär) als Beispiel: Das Projekt will die ambulante Leistungserbringung fördern, um Fehlanreize des Gesundheitssystems auszugleichen. Diese Gegenmassnahme muss belegt werden. Die Beweislast liegt aufseiten der Ärztinnen und Ärzte, die die Wahl einer Behandlung rechtfertigen müssen. Ein kürzlich in der «Schweizerische Ärztezeitung» publizierter Artikel von Jana Siroka erläutert diese gesundheitspolitische Entwicklung.

Anfechten – aus Prinzip

Die Krankenversicherungen erfüllen ihrerseits ihre Aufsichtspflichten und fordern von Ärztinnen und Ärzten oft Präzisierungen, bevor sie bestimmte Behandlungen übernehmen. Beschliesst ein Tumorboard (eine interdisziplinäre Expertenrunde) beispielsweise eine kostspielige onkologische Behandlung, verlangen die Mitarbeitenden des vertrauensärztlichen Diensts der Versicherung – ihres Zeichens keine Fachärzte – oft schriftliche Erläuterungen von den Onkologinnen und Onkologen. Obwohl offensichtlich ist, dass es weder um eine unrechtmässige noch um eine überflüssige Behandlung geht. Einige Versicherer fechten Verschreibungen von Rehabilitationsmassnahmen grundsätzlich an, ganz gleich, wie ausführlich der Antrag auch begründet wird.

«Qualitätsanforderungen sollten schweizweit vereinheitlicht und zentralisiert werden.»

Dr. med. Yannick Mercier

Und schliesslich muten die Gesundheitseinrichtungen selbst ihrem Personal einen immer höheren administrativen Aufwand zu: Um Kostenentwicklung, Effizienz und Qualität zu überwachen, braucht es ständig neue interne Kennzahlen. Des Weiteren müssen sich Spitäler gegen strafrechtliche Verfahren absichern, was mit zusätzlichem Dokumentationsaufwand einhergeht.

Raus aus dem Rechtfertigungs-Wahn

Zählt man all dies zusammen, ergibt sich eine fast exponentielle Zunahme des administrativen Aufwands. Im Interesse aller Beteiligten gilt es, nachhaltige Lösungen zu finden, damit das medizinische Personal nicht länger gezwungen ist, ständig nachzuweisen, dass die durchgeführten Behandlungen berechtigt sind. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel: Patientinnen und Patienten dürfen nicht länger pauschal als potenzielle Betrüger, die Ärzteschaft als Profiteure, Versicherer als Lügner und Aufsichtsbehörden als unfähig abgestempelt werden. Wir müssen Vertrauen in einem System schaffen, in dem alle Akteure ihren Teil zum Ganzen beitragen. Es braucht Gesetzesänderungen, um die Arbeit von Aufsichtsbehörden zu vereinfachen und Fehlanreize zu reduzieren, beispielsweise durch monistische Finanzierung oder ambulante Pauschalen. Qualitätsanforderungen sollten schweiz­weit vereinheitlicht und zentralisiert werden. Beim Grossteil der Akteure sollte man davon ausgehen, dass sie ihre Arbeit ordnungsgemäss ausführen. So könnten sich Versicherer künftig auf vermutete Unstimmigkeiten konzentrieren. Anstelle von systematischen Kontrollen sollten Stichproben gemacht oder Verdachtsfälle überprüft werden. Nicht zuletzt müssen sich auch die Gesundheitsinstitutionen selbst bemühen, Hindernisse durch Digitalisierung zu überwinden.

Papierkrieg entmutigt

Es geht darum, die Datenerfassung zu vereinfachen und Mehrfacheingaben zu vermeiden. Doch auch wenn all diese Massnahmen umgesetzt würden: Ein bedeutender und notwendiger Teil des bürokratischen Aufwands muss weiterhin bewältigt werden. Nicht unbedingt von der Ärztin oder dem Arzt selbst. Denn delegierbare administrative Aufgaben könnten künftig Data Manager oder Case Manager ausführen. Durch diese Investition bleibt den Ärztinnen und Ärzten wieder mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten. Der exzessive Papierkrieg entmutigt und schmälert das Interesse an spannenden Berufen, die für unsere Gesellschaft unverzichtbar sind.

Yannick Mercier

ist Anästhesist und seit zehn Jahren Medizinischer Direktor des Hôpital du Jura.

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