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Eigenverantwortung und Kindermädchen-Staat

Beda M. Stadler, ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts für Immunologie an der Universitat Bern.

14. Februar 2019

Meine Generation hat sich gegen das Tragen von Sicherheitsgurten gewehrt, weil wir fanden, das schränke unsere Eigenverantwortung ein. Verständlich, schliesslich waren wir trotz Kinderspielzeug mit bleihaltigen Farben gross geworden und trugen erstmalig im Militär einen Helm. Der Gepäckträger unseres Fahrrads galt als Beifahrersitz, und dank «Eutra», dem Melkfett, wurden wir rasch braun. Von meinen Klassenkameraden, vom Kindergarten bis zur Uni, leben zum Glück noch fast alle, und keiner ist an etwas gestorben, das der heutige Kindermädchen-Staat seit damals verordnet, verboten oder kriminalisiert hat.

Eigenverantwortung im Gesundheitswesen

Das Erstaunliche ist, wie wenig Widerstand dieser staatlichen Vorsorge bisher entgegengesetzt wurde. Es ist gar fast unheimlich, wie duldsam sich Raucher den Verboten gebeugt haben. Seit der Staat fast alles, was Spass macht, besteuert oder verbietet, scheint eine neue Generation heranzuwachsen, die sich an das Bemuttern bereits gewöhnt hat. Falls Sie von mehreren Müttern gleichzeitig gelyncht werden wollen, müssen Sie bloss in einer Kita versuchen, süsse Bonbons zu verteilen.

«Der Gepäckträger unseres Fahrrads galt als Beifahrersitz, und dank ‹Eutra›, dem Melkfett, wurden wir rasch braun.»

Beda M. Stadler

Die meisten Prämienzahler scheinen bereits einen neuen Begriff zur Eigenverantwortung verinnerlicht zu haben: Jeder ist selber verantwortlich, etwa gleich viel aus der Krankenkasse herauszuholen, wie er als Prämien einbezahlt hat. Gibt es für die heutige Jugend überhaupt noch Modelle, um Eigenverantwortung zu üben? Unsere Nahrungsmittel und alle Konsumgüter sind geprüft, zertifiziert und mit Label versehen, sodass es praktisch gar nicht mehr möglich ist, selbst einen Fehler zu machen. Falls etwas passiert, ist also meistens jemand anderes schuld.

Da der Prämienzahler die Eigenverantwortung verlernt hat, sollte man auch keine weitere Hoffnung daraufsetzen und diese einfach verordnen. Falls Versicherungen und Leistungserbringer bereit sind, aus der Grundversorgung alles, was mit Wellness, Befindlichkeit, kleinen Bobos oder Krankheiten zu tun hat – die sich auch mit Hausmittelchen behandeln lassen –, herauszustreichen und die Franchisen zu erhöhen, wäre ein erster Schritt getan. Wer das brutal findet, soll mal ohne Portemonnaie mit seinem kranken Hund, also einem lieben Wesen ganz ohne Selbstverantwortung, zu einem Tierarzt. Nach einem solchen finanziellen Lehrstück wird vielleicht klar: Die Solidarität im Gesundheitswesen zählt auf die Eigenverantwortung.

Beda M. Stadler

geboren 1950 in Visp (VS), ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts für Immunologie an der Universität Bern. Er ist bekannt für seine bissigen Aussagen zu medizinischen sowie gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen.

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