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«Die Pharma ist bereit, ihren Beitrag zu leisten»

Es ist eine Premiere: Zum ersten Mal treffen sich Sabine Bruckner, CEO von Pfizer Schweiz, und Thomas Christen, Vize-Direktor BAG, persönlich, um über neue Preismodelle bei Medikamenten zu diskutieren. Einig sind sie sich aber nicht.

Sabine Bruckner, Geschäftsführerin von Pfizer Schweiz

Thomas Christen, stellvertretender Direktor des BAG.

Sonja Hasler, Journalistin und Moderatorin

5. Oktober 2022

Sonja Hasler: Unser Land ist Weltspitze bei den Gesundheitskosten. Mitschuldig sind auch die hohen Preise für Medikamente. Gemäss dem Krankenversicherungsverband curafutura sind die Ausgaben für Medikamente in der Grundversicherung von 5 auf fast 8 Milliarden Franken gestiegen. Frau Bruckner, verdient sich die Pharmaindustrie einfach eine goldene Nase mit dem Verkauf von Medikamenten?
Sabine Bruckner: Nein, wichtig ist, dass wir den ganzen Kontext sehen. Wenn wir die Medikamentenkosten im Verhältnis zu den Gesundheitsausgaben anschauen, sind sie seit Jahren mit einem Anteil von rund 12 Prozent der gesamten Gesundheits­ausgaben stabil geblieben. Ich möchte diese Kosten noch ein bisschen aufschlüsseln. Einerseits ist die Menge an Medikamenten gestiegen in den letzten Jahren. Da spielt die Demografie eine Rolle, leben doch immer mehr Menschen in der Schweiz und sie werden immer älter. Andererseits haben wir heute neue, innovative Therapien für Krankheiten, für die es früher keine Behandlung gegeben hat.
Thomas Christen: Es ist tatsächlich so, dass die Medikamentenkosten lange stabil waren. Doch seit 2014 ist das Kostenwachstum bei den Medikamentenpreisen bedeutend höher als das Wachstum anderer Leistungen. Im vergangenen Jahr hat sich der Trend sogar nochmals akzentuiert. Diese Entwicklung macht uns Sorgen, nicht zuletzt, weil jeder Medikamentenfranken mit einem Prämienfranken finanziert werden muss.
Bruckner: Ich gehe mit Ihnen einig, Herr Christen, wir müssen die Sorgen der Menschen um die steigenden Krankenversicherungsprämien ernst nehmen. Wir müssen gemeinsam Lösungen finden, um die Gesundheitskosten zu dämpfen. Bereits heute leistet die Pharmaindustrie ihren Beitrag. Mit der regelmässigen Preisüberprüfung kann die Schweiz bei den Medikamenten jährlich rund 1,2 Milliarden Franken einsparen.

Das Bundesamt für Gesundheit hat die Pflicht, für kostengünstige Medikamente zu sorgen. Experten sagen aber, Sie könnten noch einiges mehr herausholen – zu Recht, Herr Christen?
Christen: Wir schauen sehr genau hin. Wir konnten allein in den vergangenen zwei Jahren bei über 1000 Medikamenten den Preis senken und haben so zusätzlich rund 200 Millionen Franken eingespart. Jedoch bereitet uns die Entwicklung bei neuen, immer teureren Medikamenten Sorgen. Vor ein paar Jahren war es noch die Ausnahme, dass ein neues Medikament 100 000 Franken pro Jahr kostete. Heute gibt es kaum ein Krebsmedikament, das nicht mindestes 100 000 Franken kostet, viele kosten sogar mehrere 100 000 Franken pro Jahr. Da müssen wir mit neuen Preismodellen ansetzen.

«Die Kosten für eine Therapie rein auf den Packungspreis zu reduzieren, ist zu eng betrachtet.»

Sabine Bruckner

Es kommen tatsächlich immer mehr neue, unfassbar teure Medikamente auf den Markt. Als teuerstes Arzneimittel der Welt gilt «Zolgensma» von Novartis, das zur Behandlung einer tödlichen Erbkrankheit eingesetzt wird und für eine einmalige Behandlung rund 2 Millionen Dollar kostet. Pfizer vertreibt zum Beispiel «Vyndaqel», ein Medikament gegen eine seltene Herzkrankheit, das pro Jahr über 150 000 Franken kostet. Wie können Heilmittel so teuer sein?
Bruckner: Sie müssen wissen, dass wir heute für ein Medikament Forschungskosten von rund 2 Milliarden Franken haben. Und die Kosten für eine Therapie rein auf den Packungspreis zu reduzieren, ohne den nachfolgenden Nutzen durch die Entlastung des Gesundheitssystems zu berücksichtigen, ist meines Erachtens zu eng betrachtet. Aber keine Frage, wir müssen neue Wege finden, um die Kosten im Gesundheitswesen zu dämpfen. Gerade bei den innovativen Therapien stossen wir mit den herkömmlichen Verfahren zur Preisbewertung jedoch an Grenzen.

Es gibt ja auch Zweifel daran, dass die neuen Medikamente wirklich das halten, was sie versprechen. Bei «Zolgensma» gab es kürzlich zwei Todesfälle. Der Preisüberwacher Stefan Meierhans sagt: «Leider gibt es eine ganze Menge neuer Medikamente, die teuer, aber nicht immer besser oder wirksamer sind als die alten.»
Bruckner: Es ist klar, dass wir da in der Verantwortung sind. Ich denke zum Beispiel an das «Pay-for-Performance-Modell», da ist der Preis davon abhängig, wie wirksam eine Therapie über einen bestimmten Zeitraum ist.
Christen: Genau solche neuen Ansätze brauchen wir. Bis jetzt hatten wir ein denkbar einfaches System. Wir haben den Preis des Medikaments im Ausland mit dem Preis eines Medikaments zur Bekämpfung der gleichen Krankheit im Inland verglichen und den Durchschnitt genommen. Heute stehen wir vor dem Problem, dass wir den Auslandpreis nicht mehr kennen, weil er vertraulich ausgehandelt wird. Darum diskutiert das Parlament jetzt neue Wege und wir sind im BAG daran, diese neuen Preismodelle zusammen mit der Pharmaindustrie und den Versicherern zu konkretisieren.

«Heute gibt es kaum ein Krebsmedikament, das nicht mindestes 100 000 Franken kostet.»

Thomas Christen

Sie sprechen die vertraulichen Preisverhandlungen mit der Pharmaindustrie an. Die Schweiz war lange eine Insel der Transparenz, man wusste auf Franken und Rappen genau, was ein Medikament kostet. Nun verhandelt auch die Schweiz geheim, in den letzten Jahren hat das BAG die Preise von ein paar Dutzend Medikamenten so festgesetzt. Dieses Vorgehen wird von verschiedenen Seiten heftig kritisiert. Warum lassen Sie sich auf solche Deals ein?
Christen: Kürzlich besuchten wir einen internationalen Anlass. Da wurde die Frage gestellt: Welches Land weist noch alle Medikamentenpreise transparent aus? Die einzige Hand, die hochging, war unsere. Das heisst, alle anderen Länder verhandeln Rabatte, die wir nicht kennen. Solange das so ist, müssen wir mitziehen, weil wir in der Schweiz sonst überhöhte Preise bezahlen. Wir sind überzeugt, dass von den ausgehandelten Rabatten letztendlich die Prämienzahlenden profitieren. Klar ist aber auch, dass wir uns auf internationaler Ebene weiterhin dafür einsetzen, dass wieder mehr Transparenz bei der Preisfestsetzung hergestellt wird.

Das Interesse der Pharmabranche liegt auf der Hand: Die Schweiz ist ein reiches Land und Sie verhandeln im Geheimen einfach einen möglichst hohen Preis?
Bruckner: Die Preise sind ja nicht geheim. Sie sind nicht international öffentlich zugänglich, aber alle relevanten Akteure, wie zum Beispiel die Krankenversicherer, kennen sie. Ausserdem geht es um sehr wenige, hoch spezialisierte Medikamente, deren Preise wir so verhandeln. Unser oberstes Interesse ist es, dass die Medikamente den Patientinnen und Patienten so schnell wie möglich zur Verfügung stehen. Wir sprechen hier von schwerkranken Menschen, die auf eine Therapie warten. Da hat das aktuelle System Grenzen, weil die Verhandlungen zu lange dauern. Wir schlagen darum das Modell vor, dass ein Medikament allen Patienten ab dem Tag der Zulassung sofort zu einem provisorischen Preis zur Verfügung steht. Der fixe Preis wird dann nachverhandelt und die Differenz zwischen dem vorläufigen und definitiven Preis von der Herstellerfirma entsprechend zurückerstattet.
Christen: Wir haben das gleiche Ziel, Frau Bruckner, innovative Medikamente sollen möglichst schnell zu den Menschen kommen. Aber wir müssen auch auf die Kosten achten und da haben Sie naturgemäss andere Interessen. Das sehen wir auch in den Verhandlungen. Es sind eben oft die hohen Preisforderungen der Pharma, die den ganzen Prozess bis zur Aufnahme eines Medikaments verlängern. Länger, als auch wir es uns wünschen.

Beide wollen also, dass Patientinnen und Patienten neue Medikamente so schnell wie möglich erhalten. Herr Christen, was sagen Sie denn zum Vorschlag von Frau Bruckner, dass neue Mittel sofort kassenpflichtig sind und der endgültige Preis erst später ausgehandelt wird? Sozusagen ein Medikamentenpreis auf Probe, ähnlich wie in Deutschland?
Christen: Wir sind sehr offen für neue Ideen und diskutieren auch diesen Vorschlag intensiv mit der Industrie. Es gibt aber Fragezeichen: Steigt man mit einem hohen Preis ein, gibt es keine Anreize für die Pharma, diesen später zu senken. Deshalb sind wir skeptisch und befürchten, dass der ganze Prozess so noch schwerfälliger wird.
Bruckner: Wir streben nicht einfach den höchstmöglichen Preis an. Auch wir sind interessiert an einem nachhaltig finanzierten Gesundheitssystem. Das Modell ist ja nicht unbekannt. Wir haben bereits heute mit den Artikeln 71a-71d in der Ver­ordnung über die Krankenversicherung KVV die Möglichkeit, im Einzelfall mit den Krankenversicherern einen vorläufigen Preis festzulegen und dann nachzuverhandeln. Das ist aber ein immenser bürokratischer Aufwand, weil jede Krankenversicherung für jeden Patienten mit jedem Hersteller im Einzelverfahren einen Preis aushandelt. Mit einem einfacheren System könnten wir Kosten sparen ohne Qualitätseinbussen bei den Therapien.
Christen: Genau das will auch der Bundesrat mit seinen Verbesserungsvorschlägen für die Artikel 71a-71d KVV. Da stehen der bürokratische Aufwand und auch die fehlende Gleichbehandlung unter den Patientinnen und Patienten im Fokus. Mit diesem Artikel haben wir es in der Hand, lebenswichtige Medikamente im Ausnahmefall schnellst­möglich einsetzen und vergüten zu können, teilweise sogar noch vor der Zulassung durch Swiss­medic. Aber der Hauptpfeiler bleibt natürlich die Spezialitätenliste des BAG.

Wir haben jetzt schon verschiedene neue Wege angesprochen, um die Medikamentenkosten in den Griff zu bekommen. Schon länger bekannt ist das Modell von FDP-Ständerat Josef Dittli. Er schlug vor, dass man bei Preisen von neuen Medikamenten auch die Zahl der versorgten Personen miteinbezieht. Das heisst: Je häufiger ein Medikament eingesetzt wird, desto günstiger der Preis. Für mich klingt das einleuchtend, für Sie auch Frau Bruckner?
Bruckner: Ja, da sind wir bereit, unseren Beitrag zu leisten. Wenn wir etwa sehen, dass eine Therapie für eine gewisse Krankheit auch bei einer anderen Indikation wirkt, dann haben wir eine Ausweitung des Volumens und können Abschläge machen.
Christen: Ich freue mich über die Bereitschaft von Frau Bruckner, in diese Modelldiskussion einzusteigen. Es ist wichtig, dass breit eingesetzte Medikamente günstiger vergütet werden. Kürzlich bin ich auf ein Medikament gestossen, das 150 000 Franken pro Jahr kostet und lebenslänglich bei 1000 Patienten eingesetzt wird. Das ergibt 150 Millionen pro Jahr. Dieser Preis für ein einzelnes Medikament ist einfach zu hoch. Grundsätzlich stellt sich aber auch eine ethische Frage: Wie viel darf ein teures Medikament eigentlich kosten? Diese Frage muss schlussendlich die Gesellschaft beantworten.

Interview: Sonja Hasler. Fotos: Herbert Zimmermann

Im Moment wird um die neuen Preismodelle zwischen der Pharmaindustrie, der Gesundheitsbranche, dem Bund und der Politik hart gerungen. In diesem Zusammenhang habe ich eine provokative Aussage des Preisüberwachers gelesen: «Es ist ein bisschen wie beim Fussball. 22 Spieler jagen den Ball und am Ende gewinnt die Pharma.»
Bruckner: Diese Aussage trifft mich persönlich. Für uns steht die Patientin, der Patient im Mittelpunkt. Wir wissen, dass hinter unseren Therapien, hinter jeder einzelnen Packung ein schwerkranker Mensch steht. Wir wollen unseren Beitrag leisten, aber nicht mit einer einseitigen Sparpolitik, sondern überlegt und nachhaltig. Da sind wir dabei.
Christen: Ich teile die Meinung auch nicht. Die vielen Beschwerden der Pharmaindustrie gegen das BAG zeigen, dass wir hart verhandeln. Wir schauen bei allen Leistungen genau hin, auch bei den Medikamenten, und werden das in Zukunft gerade bei neuen, teuren Therapien weiterhin tun.

Sabine Bruckner

ist Betriebswirtin und seit 2020 Geschäftsführerin von Pfizer Schweiz. Vor ihrem Wechsel in die Schweiz war sie in Österreich bei Wyeth und Roche tätig.

Thomas Christen

ist Rechtswissenschaftler und war persönlicher Berater von Bundesrat Alain Berset. Christen arbeitet seit 2017 beim BAG und ist seit 2021 stellvertretender Direktor.

Sonja Hasler

ist Journalistin bei Radio SRF und moderiert unter anderem die Talk-Sendung «Persönlich». Bis 2015 war sie Moderatorin der «Rundschau» und der «Arena» beim Schweizer Fernsehen.

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