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Begrenzte Produktivität im Gesundheitswesen

Das personalintensive Gesundheitswesen profitiert weniger von in anderen Branchen üblichen Produktivitätssteigerungen. Das Angebot wie auch die Nachfrage lassen Mengen und Kosten wachsen.

Reto Föllmi, ist Professor für Internationale Ökonomie sowie Direktor des SIAW-HSG an der Universität St. Gallen.

17. Februar 2021

Wir werden immer älter und bleiben auch länger gesund. Diese erfreulichen Entwicklungen sind aber nicht gratis. Die Ausgaben für das Gesundheitswesen im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt (BIP) nehmen mit ungebrochen steigender Tendenz zu. Diese Kosten belasten die Haushalte direkt über die höheren Krankenkassenprämien und indirekt als Steuerzahler, weil die öffentliche Hand einen festen Anteil der stationären Spitalkosten und die Prämienverbilligungen mitfinanzieren muss.

Diese Entwicklung wird sowohl von der Nachfrage als auch vom Angebot getrieben. Mit steigendem Wohlstand geben wir mehr für Gesundheit aus: Reichere Länder haben nicht nur absolut, sondern auch anteilsmässig höhere Gesundheitsausgaben.

Umsatzzunahme durch mehr Beschäftigung

Auf der Angebotsseite sollten Produktivitätssteigerungen eigentlich die Preise und damit die Ausgaben für eine Branche drücken, dank IT zum Beispiel wurden viele Prozesse einfacher und schneller. Eine höhere Arbeitsproduktivität bedeutet, dass mit einem bestimmten Personalbestand mehr oder qualitativ bessere Gesundheitsleistungen erbracht werden können.

Quelle: Bundesamt für Statistik – Wachstums- und Produktivitätsstatistik (WPS)

Die Produktivität der Gesundheitsbranche, gemessen als Wertschöpfung je Vollzeitäquivalent, lag 2018 mit 123 100 Franken rund 23 % unter dem gesamtwirtschaftlichen Mittel (2018: 160 054 Franken). Im Vergleich zur Branche «Heime und Sozialwesen» ist die Arbeitsproduktivität aber 78 % höher. Die kapitalintensive pharmazeutische Industrie ist die mit Abstand produktivste Branche in der Schweiz. Schauen wir auf die Veränderung, ergibt sich ein ähnliches Bild. Einschränkend muss man sagen, dass gerade im Gesundheitswesen die Produktivität schwierig zu messen ist, weil die Preise oft über stark politi­sierte Tarifverhandlungen entstehen. Über den Zeitraum 1997 bis 2018 hat der gesamte Umsatz in der Gesundheitsbranche um 144 % zugenommen. Weil dieser Zuwachs hauptsächlich durch eine starke Ausweitung der Beschäftigung erzielt wurde, ist die Produktivität preisbereinigt nur um knapp 17 % gewachsen, trotz hoher Investitionen in diesem Sektor. Das Gesundheitswesen liegt im unteren Mittelfeld, Heime und Sozialwesen wiesen sogar einen Rückgang auf.

«Die Produktivitätsfortschritte im Gesundheitswesen sind begrenzter als in anderen Branchen.»

Reto Föllmi

Die Baumolsche Kostenkrankheit

Die sogenannte Baumolsche Kostenkrankheit ist ein wichtiger Grund für dieses begrenzte Produktivitätswachstum. In der Industrie etwa sind grosse Fortschritte durch Automatisierung und Standardisierung möglich. Das Gesundheitswesen dagegen ist personalintensiv und gerade wenn es um Betreuung geht, sind im Gegensatz etwa zur Industrie Prozessvereinfachungen nur beschränkt möglich und gewünscht – auch wenn sich das beispielsweise mit Data Analytics ändern könnte. Da die Gesundheitsnachfrage aber trotz steigender Preise zunimmt, wächst auch die Beschäftigung in dieser Branche. Sie muss natürlich wettbewerbsfähige Löhne zahlen, was zu einem immer höheren Anteil am BIP führt.

Mischfinanzierungen führen zu Fehlanreizen

Negativ auf das Produktivitätswachstum wirkt, dass in dieser Branche komplexe Mischfinanzierungen Fehlanreize hervorrufen. Das KVG will zwar Quersubventionierungen möglichst einen Riegel schieben, je nach Kanton werden Leistungserbringer aber immer noch über GWL und tiefe Mietkosten etc. unterstützt. In unserer Studie konnten wir darum den empirischen Zusammenhang mangels genug präzisen Daten zum öffentlichen Finanzierungsanteil noch nicht erhärten.

Begrenzte Produktivitätsfortschritte und wachsende Nachfrage durch Demografie und Wohlstand erhöhen die Gesundheitsausgaben. Überdies sind wir auf den Rat der Experten angewiesen, welche Behandlungen wir in Anspruch nehmen sollen. Im heutigen System müssen wir Zwangsabgaben leisten, aber bezahlen nur einen geringen Teil unserer tatsächlich konsumierten Leistungen. Das sind keine idealen Voraussetzungen für ein moderateres Mengen- und Kostenwachstum. 

Studie

Reto Föllmi

ist Professor für Internationale Ökonomie sowie Direktor des SIAW-HSG an der Universität St. Gallen.

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