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Aufbruch in eine neue Gesundheitsgesellschaft

Megatrends verändern unsere Gesellschaft langfristig und tiefgreifend. Welche Megatrends beeinflussen den Gesundheitsbereich? Und welche Schlussfolgerungen können die Krankenversicherungen daraus ziehen?

Christian Rauch, ist Geschäftsleiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main

29. Mai 2019

Wir leben in der Gesundheitsgesellschaft. Nie zuvor hatte Gesundheit einen so hohen Stellenwert wie heute. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Fortschritten in der Medizin, insgesamt hohen Gesundheitsstandards und verbesserter Ernährung haben wir es zu verdanken, dass der Gesundheitszustand und die Lebenserwartung der Bevölkerung deutlich steigen. Die Folge: Mit zunehmendem Alter rückt auch der Wunsch nach einem gesunden Leben verstärkt in den Fokus von immer mehr Menschen. Durch den Wohlstandszuwachs können wir zudem Geld und Zeit in Gesundheitsleistungen investieren, die früher undenkbar oder purer Luxus waren. Die Abwesenheit oder immer bessere Behandlung von Krankheiten, die noch vor wenigen Jahren zu massiven Einschränkungen oder einem kürzeren Leben geführt haben, gibt Menschen heute die Möglichkeit, sich ein wesentlich anspruchsvolleres Gesundheitsverständnis zu leisten. Dazu liefert heute eine Vielzahl an Playern auf dem Gesundheitsmarkt ein immer breiteres Angebot. Trendforscher sprechen daher vom Megatrend Gesundheit. Ob Konsum oder Ernährungskultur, Arbeitsorganisation, Freizeitgestaltung oder Urlaubsplanung – Gesundheit ist in jedem erdenklichen Kontext ein bestimmendes Thema. Diese Entwicklung verändert das Verhalten der Menschen und damit die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen. Das stellt auch Krankenversicherungen vor neue Herausforderungen und lässt ihnen im Gesundheitssystem von morgen eine veränderte Rolle zukommen.

Gesundheit als Investment

Dass Gesundheit heute eine so hohe Bedeutung hat, führt zu einem massiv wachsenden Gesundheitsmarkt. Neben neuen Technologien und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die für Innovationen sorgen, entstehen rund um Ernährung, Körper, Sport und Lebensqualität neue Nachfrageimpulse – gerade in einer älter werdenden Gesellschaft.

Wir leben längst in einer Gesundheitsgesellschaft. Das trifft auf kaum ein Land so sehr zu wie auf die Schweiz. Mit Ausnahme der USA wird nirgends so viel in die Gesundheit investiert wie hier: Laut der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich beliefen sich die Gesundheitsausgaben 2018 auf den Rekordwert von über 86,5 Milliarden Franken.

Individuelles Gesundheitsmanagement

In einer immer stärker von Individualisierung geprägten Gesellschaft ist dieser Trend auch ein Effekt einer zunehmend eigenverantwortlichen Gesundheitsvorsorge. Mit einem steigenden Gesundheitsbewusstsein wächst beispielsweise der Anteil derer, die ausreichend körperlich aktiv oder trainiert sind, wie die aktuelle Schweizerische Gesundheitsbefragung zeigt. Demzufolge achten auch 68 Prozent der Bevölkerung auf ihre Ernährung. Der Anteil der Personen, die nicht mehr als viermal in der Woche Fleisch essen, ist zwischen 1992 und 2017 um 8 Prozentpunkte auf 65 Prozent gestiegen. Körperliche und geistige Fitness, das eigene Wohlbefinden und die gesundheitliche Zufriedenheit werden zur Schlüsselressource in der Gesellschaft.

Die Megatrend-Map zeigt Veränderungsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft. Die hervorgehobenen Megatrends betreffen die Krankenversicherungen besonders. Schon heute übernehmen Krankenversicherungen Rollen, die über jene der klassischen Zahlstelle hinausgehen (vgl. Boxen).

Digital Health

Damit wird Gesundheit auch zu einem Konsumgut. Deutlich wird das etwa am Self-Tracking: Im Streben nach Gesundheit, Fitness und Lebensqualität werden digitale Anwendungen für Smartphones, Sport-Armbänder oder andere tragbare Geräte zum Mittel der Wahl, um körperliche Leistungen und Gesundheitswerte aufzuzeichnen und auszuwerten. Was vordergründig wie ein Lifestyle-Hype wirkt, ist bei näherer Betrachtung Teil eines grösseren Ganzen. Nämlich der Digitalisierung der Medizin und der Gesundheit. Heute sind mit digitaler Technologie riesige Hoffnungen verbunden: Künstliche Intelligenz soll dabei helfen, Herzinfarkte, Krebs und andere Krankheiten zu besiegen. Selbstlernende Systeme werden die Zukunft der Medizin massiv mitbestimmen:

Die Marktforscher von Frost & Sullivan prognostizieren daher, dass sich der Markt für KI-Systeme im Bereich der Gesundheitsversorgung bis 2022 auf 6 Milliarden Dollar verachtfacht. Wie bei vielen Innovationen im Gesundheitswesen geht es um die Hoffnungen der Menschen auf ein gesünderes, längeres Leben. Inzwischen mischen nicht nur Technologie- und Pharmakonzerne in dem Zukunftsmarkt mit, sondern auch eine Vielzahl an Start-ups.

Doch man muss gar nicht so weit gehen, um zu sehen, dass digitale Vernetzung grundlegende Veränderungen im Gesundheitssystem erzeugt, die auch den Krankenversicherern eine neue Bedeutung zukommen lassen. Der Megatrend Konnektivität verändert die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und das Angebot von Gesundheitsversorgern. In der Schweiz beschaffen sich laut Eurostat inzwischen knapp zwei Drittel der Verbraucher (64 Prozent) gesundheitsrelevante Informationen über das Internet. Zugleich werden telemedizinische Leistungen für die Basisversorgung wichtiger. In Online-Arztpraxen stellen heute schon immer mehr Ärzte Diagnosen übers Internet – rund um die Uhr, inklusive Rezeptvergabe.

An die zunehmende Online-Affinität von Patienten muss sich auch das Gesundheitswesen anpassen. Aus Patienten werden selbstbewusste und eigenverantwortliche Gesundheitskonsumenten. Beim Ziel, die Hoheit über die eigene Gesundheit und eine Beratung auf Augenhöhe zu erreichen, kommt auch den Krankenversicherern künftig eine noch wichtigere Rolle zu. Ohne sie wird das vielen Menschen angesichts eines immer komplexeren Gesundheitssystems und vielfältigen Angebots kaum gelingen. Als Patienten sind sie nach wie vor abhängig von kompetenten Ärzten und anderen Fachleuten, zunehmender interprofessioneller Kooperation der Gesundheitsberufe, hohen Qualitätsstandards in verschiedenen Versorgungsbereichen, einer Vielzahl von Healthcare-Providern etc.

Krankenversicherer von morgen

Die beschriebenen Trends werden nicht nur zur Herausforderung, sie sorgen zugleich für neue Chancen der Versicherer. Die Gesundheitskonsumenten fordern eine Demokratisierung ein und erzeugen eine Dynamik im Markt, die weit über das hinausgeht, was die Liberalisierung bisher hervorgebracht hat. Das hat einen nachhaltigen Einfluss auf die Qualifizierung der Angebote der Krankenversicherer. Sie müssen sich angesichts neuer und steigender Kundenbedürfnisse nicht nur breiter aufstellen. Sie müssen vor allem dazu beitragen, dass auch bei einem erweiterten Leistungsspektrum hohe Qualitätsmassstäbe gelten – bei gleichzeitig klugem Kostenmanagement. Zugleich entsteht im digitalen Zeitalter eine neue Gesundheitskultur, in der Vertrauen eine Schlüsselrolle spielt.

Das betrifft vor allem den Digital-Health-Bereich. Es geht jedoch nicht nur um den Datenschutz im Zuge des flächendeckenden Einsatzes von telemedizinischen oder KI-Anwendungen. Langfristig steuern wir im Gesundheitswesen auf eine Plattformökonomie zu: Mit zunehmender Vernetzung von Unternehmen und Branchen sowie der steigenden Automatisierung von Prozessen steigt die Komplexität, und einst klare Grenzen verschwimmen. Vielfach werden Online-Plattformen und neue Netzwerke die Basis für den Austausch von Ressourcen und die Vermittlung von Geschäftsbeziehungen darstellen. Sie steuern Informationsflüsse, aber auch die Bereitstellung von Waren und Dienstleistungen. Krankenversicherern kann in solchen Business-Ökosystemen rund um Gesundheit eine entscheidende Schnittstellenfunktion zukommen. Sie sind darin eine wichtige Instanz – mit Kompetenzzuschreibung und Neutralität gleichermassen, die für Transparenz, Sicherheit und Vertrauen sorgen kann. Damit steigt auch ihre Relevanz im Bewusstsein der Versicherten: Ihre Chance liegt darin, sich vom blossen «Provider» zur wirklichen Vertrauensinstanz zu entwickeln und so eine völlig neue Kundenbeziehung zu etablieren. Partnerschaftliche Zusammenarbeit, die Kommunikation auf Augenhöhe und individuelle Lösungen jenseits von Standardprozessen ermöglicht, wird zum entscheidenden Qualitätskriterium.

Für Versicherer erwachsen daraus neue  Wertschöpfungspotenziale, wenn sie sich als Intermediäre zwischen Kunden und Gesundheitssystem positionieren. Sie können zum Begleiter in einem aktiven Lebensstil und in einer modernen Gesundheitskultur werden. Vernetzte, ganzheitliche Gesundheitsangebote, die in Zukunft immer stärker die Nachfrage bestimmen werden, erfordern integrierte Angebote, die es Versicherten möglich machen, ein aktives, gesundheitsbewusstes Leben zu führen. Es erfordert von Krankenversicherern aber auch, sich zu Gesundheitsmanagern zu entwickeln und über das bisherige Kerngeschäft hinauszuwachsen.

Ein weiteres Beispiel ist der Wandel des Gesundheitsverständnisses. Daran, dass beispielsweise psychische Beschwerden immer öfter Grund für Arztbesuche sind, zeigt sich der Trend hin zu einem ganzheitlichen Gesundheitsbegriff. Es reicht heute nicht mehr, nur physisch gesund zu sein. Auch das geistige Wohlbefinden rückt zunehmend in den Fokus. Das belegt auch die steigende Nachfrage nach alternativ- und komplementärmedizinischen Behandlungskonzepten. Diesen Wandel konstruktiv, wissenschaftlich fundiert zu moderieren – im Sinne der Qualitätssicherung –, kann auch eine wesentliche Aufgabe von Krankenversicherern sein. Es geht nach wie vor um gesundheitliche Leistungsversprechen, die aber veränderten Anforderungen und neuen Bedürfnissen der Versicherten Rechnung tragen müssen.

Zukunftsweisende Angebote von Versicherern müssen daher viel stärker als bisher entlang der Bedürfnisse und Anforderungen der Kunden und ihrer Lebensstile gedacht, organisiert und ausgestaltet werden, um wirklich bedarfsgerechte Gesundheitsleistungen anzubieten.

Christian Rauch

Christian Rauch ist Geschäftsleiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt am Main. Der Trend- und Zukunftsforscher ist u.a. Herausgeber der kürzlich neu erschienenen «Megatrend-Dokumentation». Mehr Infos unter zukunftsinstitut.de/megadoku

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