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So verkommt das EPD zum Rohrkrepierer

Roman Seiler, Wirtschaftsjournalist

17. Februar 2022

Welch ein Fortschritt: Mit dem Covid-Zertifikat verfüge ich erstmals über einen digitalen Beleg für eine Impfung. Fragt mich hingegen mein Hausarzt, wann ich die letzte Starrkrampf-Impfung erhalten habe, muss ich passen. Weil ich meinen Impfausweis nicht mehr finde.

Wie praktisch wäre es also, wenn das Elektronische Patientendossier (EPD) endlich eingeführt würde. Dann gingen solche Unterlagen nicht mehr verloren. Doch einmal mehr behindern unsere komplizierten politischen Entscheidungsprozesse, gepaart mit eidgenössischem Perfektionswahn, eine rasche Implementierung des Vorhabens. Und verteuern es gleichzeitig.

Das ist umso unverständlicher, als das EPD eigentlich nur Vorteile bietet: Ich erhalte einen unkomplizierten Zugriff auf medizinische Unterlagen wie mir verschriebene Medikamente oder Behandlungsberichte von Ärzten und anderen Leistungserbringern. Im Notfall verschaffen sich Ärztinnen und Ärzte mit wenigen Klicks einen möglicher­weise lebensrettenden Überblick über meinen Gesundheitszustand.

«Komplizierte politische Entscheidungsprozesse, gepaart mit eidgenössischem Perfektionswahn, verhindern die rasche Umsetzung.»

Roman Seiler

Aber eben: Aktuell können EPDs erst in einigen wenigen Kantonen eröffnet werden. Wer herausfinden will, wann dies beispielsweise in meinem Wohn­kanton Zürich der Fall sein wird, muss schon sehr hartnäckig sein. Von der offiziellen Website patientendossier.ch erhalte ich lediglich die Bestätigung, dass ich benachrichtigt werde, «sobald das EPD in Ihrer Region verfügbar ist». Und bei meiner Krankenkasse heisst es, das EPD sei ein Thema: «Wir hoffen, dass es kommt. Aber wir sind noch weit weg davon, dass es darüber Informationen gibt.» Immerhin bieten im Verlauf des kommenden Jahres in der ganzen Schweiz mehr als 400 Apotheken ein EPD an.

Gewonnen ist damit noch nicht viel. Denn vorderhand müssen lediglich Spitäler und Rehakliniken Behandlungsdaten auf ein EPD laden. Für die überwiegende Zahl der ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte bleibt dies noch lange freiwillig. Denn das Parlament verlangte erst vor einem Jahr vom Bundesrat, notabene gegen dessen Willen, dass dies für die gesamte Ärzteschaft obligatorisch werden soll.

Und es bleibt weiter grotesk: Demnächst will der Bundesrat bekannt geben, wie es mit dem EPD weitergehen soll, damit es nicht zum kostspieligen Rohrkrepierer wird. Ob und wann das eine oder andere umgesetzt wird, steht in den Sternen. Das ist ein Debakel.

Roman Seiler

Roman Seiler ist pensionierter Wirtschaftsjournalist. Seit 1995 publiziert er regelmässig Artikel und Kommentare zum Thema Gesundheitswesen. Er schrieb unter anderem für Zeitungen wie «Cash», die Blick-Gruppe und CH-Media.

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