25.10.2018 | Lukas Kauer, PhD

Managed Care als Kostenbremse?

Die Kostenwirksamkeit von Managed Care war lange umstritten. Viele Studien zeigen mittlerweile, dass mit diesen Modellen echte Einsparungen möglich sind. Dennoch: Offene Fragen bleiben.

Ein wesentliches Ziel bei der Einführung von Managed Care (MC) in der Schweiz in den 90er-Jahren war die Eindämmung der stetig steigenden Gesundheitskosten. Denn mit der integrierten Versorgung und der Umgestaltung der Bezahlung änderten die Anreize sowohl auf der Nachfrage- als auch auf der Angebotsseite: Die Versicherten können aufgrund der Einschränkung der freien Arztwahl nicht mehr beliebig viele Leistungserbringerbesuchen und müssen sich an die Empfehlung ihres Gatekeepers halten. Die Ärzte sind dank Budgetmitverantwortung nicht länger der Versuchung ausgesetzt, ihr Einkommen mit zusätzlichen Behandlungen zu erhöhen.

Seit der Einführung von Managed-Care-Modellen in der OKP ist bekannt, dass sich eher gesunde Versicherte in solche Modelle selektionieren. Kostenvergleiche zwischen Personen in MC-Modellen und solchen mit ordentlicher Deckung sind folglich durch diese Risikoselektion stark verzerrt. Wissenschaftliche Studien müssen also diesen Selektionseffekt herausrechnen. Die in der Tabelle zusammengestellten, von Experten beurteilten (peer-reviewed) Studien verwenden dazu unterschiedliche Methoden. Es zeigt sich für unterschiedliche Zeiträume, Datenquellen und MC-Modelle, dass die korrigierten Einsparungen teils beträchtlich sind, ebenso aber auch der Selektionseffekt (als Differenz zwischen den zwei letzten Spalten).

Auswahl an Studien zu Einsparungseffekten von Managed Care

Quelle/Studie Jahr der Daten Art des Managed-
Care-Modells
Unkorr. Einsparung Korr. Einsparung
Lehmann, Zweifel
(2004)
1997–2000 HMO Typ Capitation 62% 40%
1997–2000 Hausarztmodell Typ Bonus 34% 10%
1997–2000 Hausarztmodell Typ Liste 39% 21%
Grandchamp, Gardiol
(2011)
2003–2006 Telemedizin 57%–62% 4%
Trottmann, Zweifel, Beck
(2012)
2003–2006 HMO und Hausarztmodell
Typ Capitation
42% 12%–19%
Reich, Rapold, Flatscher-Thöni
(2012)
2006–2009 HMO und Hausarztmodell
Typ Capitation
30% 21%
2006–2009 Hausarztmodell Typ Bonus 21% 16%
2006–2009 Telemedizin 22% 4%
Kauer
(2017)
2003–2014 HMO Typ Capitation n.a. 14–36%

Die korrigierte Einsparung berücksichtigt im Vergleich zur unkorrigierten Einsparung den Selektionseffekt. Die Prozentangabe bezieht sich jeweils auf den Vergleich mit den Versicherten mit ordentlicher Deckung.

Die neuste zitierte Studie ermöglicht dank ihrer langen Zeitdauer die Analyse der Nachhaltigkeit der Effekte. Zumindest für Personen, die früh (2005) in ein MC-Modell eingetreten sind, sind über die gesamten zehn Jahre tiefere Kosten zu beobachten. Zudem konnte gezeigt werden, dass die Einsparungen zumindest teilweise durch eine geringere Anzahl Arztkonsultationen zu Stande kommen. Da die Wahrscheinlichkeit, mindestens einmal im Jahr einen Arzt zu besuchen, bei MC-Versicherten gleich hoch war wie bei Versicherten mit ordentlicher Deckung, scheint der Gatekeeper die Personen von medizinisch unnötigen Zusatzbehandlungen abhalten zu können. Trotz dieser Erkenntnis ist die Frage noch nicht abschliessend beantwortet, wie genau die Einsparungen zu erklären sind. Dies sollte Gegenstand weiterer Forschung sein.

Unabhängig davon steht fest, dass das stetige Kostenwachstum der vergangenen Jahre ohne MC wesentlich stärker ausgefallen wäre. MC ist damit zweifellos ein wichtiger Bestandteil wirksamer, kostenbremsender Massnahmen.



Literaturangabe der in Tabelle 1 zitierten Studien:
  • Grandchamp, Chantal, and Lucien Gardiol (2011). Does a Mandatory Telemedicine Call Prior to Visiting a Physician Reduce Costs or Simply Attract Good Risks? Health Economics, 20(10), 1257 – 1267.
  • Kauer, Lukas (2017). Long-term Effects of Managed Care, Health Economics, 26(10), 1210 – 1223.
  • Lehmann, Hans-Jörg, Peter Zweifel (2004). Innovation and Risk Selection in Deregulated Social Health Insurance, Journal of Health Economics, 23, 997 – 1012.
  • Reich, Oliver, Roland Rapold, and Magdalena Flatscher-Thöni (2012). An Empirical Investigation of the Efficiency Effects of Integrated Care Models in Switzerland, International Journal of Integrated Care, 12, 1 – 12.
  • Trottmann, Maria, Peter Zweifel, Konstantin Beck (2012). Supply-side and Demand-side Cost Sharing in Deregulated Social Health Insurance: Which is More Effective?, Journal of Health Economics, 31, 231 – 241.


Lukas Kauer

PhD, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des CSS Instituts für empirische Gesundheitsökonomie und Dozent an der Universität Zürich und an der ZHAW. lukas.kauer@css-institut.ch

Website CSS Institut für empirische Gesundheitsökonomie

Website CSS Institut

Kommentare