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Vroni Thalmann-Bieri und Ursula Zybach

Nachgefragt: Sind pflegende Angehörige ein Kostenproblem?

Vroni Thalmann-Bieri, Nationalrätin (SVP, LU)

Ursula Zybach, Nationalrätin (SP, BE)

27. Februar 2026

PRO: Vroni Thalmann-Bieri, Nationalrätin (SVP, LU)

Viele Menschen wünschen sich, so lange wie möglich in ihrer vertrauten Umgebung zu bleiben. Doch wollen die Betroffenen sich wirklich von Angehörigen pflegen lassen? Oder entsteht auch einmal der Gedanke, dass Nähe zur Belastung wird, wenn sich Fürsorge in Pflicht verwandelt?

Niemand ist verpflichtet, einen Angehörigen zu pflegen. Ebenso wenig ist jemand verpflichtet, Pflege durch die Familie zuzulassen. Selbstbestimmung und Würde stehen an erster Stelle.

Ich bin nicht gegen Angehörigen­pflege – im Gegenteil. Sie kann Ausdruck tiefster Verbundenheit sein. Aber ich bin dagegen, dass diese zunehmend vereinnahmt und staatlich organisiert wird. Es geht so weit, dass sogar für nahe Verwandte alles zu 100 Prozent entlöhnt sein muss. Es gibt heute bereits Möglichkeiten, finanzielle Unterstützung für die pflegende Person zu erhalten, insbesondere über Hilflosenentschädigungen und Ergänzungsleistungen. Dieses Geld kann die zu pflegende Person für Rechnungen der Spitex ausgeben oder jene Verwandte anstellen lassen, damit für ihren Lohn die AHV abgerechnet wird. Es gibt sogar eine vereinfachte Abrechnung dazu. Daran muss weitergearbeitet werden, um die gesetzlichen Hilfen bedarfsgerecht zu schmieden und nicht um ein kommerzielles Business für die Leistungserbringer zu fördern.

«Doch immer neue staatliche Angebote zu fordern, ist keine Lösung.»

Die Spitex bleibt wichtig. Sie kann helfen, wo es fachlich notwendig ist und die Qualität gefordert ist. Sie ermöglicht aber auch zwischendurch die so dringend benötigte Entlastung der pflegenden Angehörigen. Solche Pausen, sei es durch Tagesbetreuung oder Ferienplätze, schenken Erholung und neue Kraft, für beide Seiten.

Doch immer neue staatliche Angebote zu fordern, ist keine Lösung. Denn jede neue Subvention, jede zusätzliche Leistung wird am Ende von uns allen finanziert. Und wo Geld im Spiel ist, entstehen schnell Geschäftsmodelle, bei denen manchmal nicht mehr die Pflegebedürftigen im Mittelpunkt stehen, sondern der Gewinn – finanziert von den schon stark belasteten Prämienzahlern. Hier müssen wir weiterdenken.
Es braucht verschiedene Puzzleteile, die zusammenfinden müssen: ein Teil für die direkte Anstellung aus Hilflosenentschädigung (oder natürlich auch vom eigenen Vermögen), ein Teil Betreuungsgutschrift, damit die pflegenden Angehörigen Absicherung haben, solange sie sich im Erwerbsleben be­finden, und als letzter Teil eine mode­rate Erhöhung bei den Ergänzungs­leis­tungen, wenn es sich um AHV-Rentner handelt.

Für mich zählt der Mensch. Die Person, die Liebe braucht, und die Person, die sie gibt. Pflege soll nicht zu einer Handelsware werden. Denn was wirklich zählt, lässt sich nicht kaufen: «Zeit, Zuwendung, Geduld.» 

CONTRA: Ursula Zybach, Nationalrätin (SP, BE)

Bei den pflegenden Angehörigen steht die Frage des würdevollen und selbstbestimmten Alterns im Zentrum und nicht die Kosten. Denn jeder Tag und jede Nacht, die eine pflegebedürftige, betagte Person zu Hause verbringen kann, ist gut für die betroffene Person und auch für das Gesundheitssystem. Dass pflegende Angehörige nun angemessen entschädigt werden können, ist richtig.

Als mein Vater nach einer schweren Blutvergiftung fast gestorben wäre, empfahl das Spital, ihn in ein Pflegeheim einzuweisen. Doch ich wusste, dass er das nie wollte. Da meine Mutter mit ihren 90 Jahren überfordert gewesen wäre, entschieden mein Mann und ich, ihn zu uns nach Hause zu nehmen. In Zusammenarbeit mit der Spitex und dem Hausarzt konnten wir ihn während zwei Jahren bei uns betreuen. Es war anspruchsvoll, aber ich durfte dabei auch wertvolle Momente mit meinem Vater erleben.

Pflegende Angehörige tragen entscheidend dazu bei, dass ältere Menschen zu Hause leben können. Noch viel mehr Personen wären bereit, diese Aufgabe zu übernehmen, können es sich jedoch finanziell nicht leisten, weil sie dafür ihr Arbeitspensum reduzieren müssten.

«Eine faire Entschädigung pflegender Angehöriger ist deshalb auch eine Frage der Chancengerechtigkeit.»

Hier setzt die Entschädigung von pflegenden Angehörigen an und ermöglicht, Lösungen zu treffen, die finanziell tragbar sind. Unter dem Strich resultiert eine Win-win-win-Situation: Der Wunsch der betroffenen, betagten Person kann erfüllt werden, die pflegenden Angehörigen können diesem Wunsch nachkommen, ohne die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen, und als Gesellschaft profitieren wir alle von der kostendämpfenden Wirkung auf das Gesundheitssystem. Die Entscheidung, einen Angehörigen zu pflegen, darf nicht von privilegierten Arbeitsverhältnissen abhängen. Eine faire Entschädigung pflegender Angehöriger ist deshalb auch eine Frage der Chancengerechtigkeit.

Dazu braucht es jedoch klare Regelungen: Wie wird die Qualität gesichert? Was bedeutet dies für die entsprechende Ausbildung der pflegenden Angehörigen? Wie und durch wen erfolgt eine Überprüfung der Pflegesituation, um Missbrauch zu verhindern? Und zu guter Letzt: Wie verhindert man Geschäftsmodelle, welche die Angehörigen in falsche Abhängigkeiten bringen respektive Firmen überproportional viel verdienen lassen? Zu vielen Punkten gibt es zwischen den Versicherern und den Spitex-Verbänden Einigkeit: Es braucht eine Mindestqualifikation der pflegenden Angehörigen sowie eine Qualitätssicherung durch eine gute Anleitung und eine regelmässige Überprüfung der pflegenden Angehörigen durch professionelle Pflegefachpersonen.

Der Bundesrat hat es in seinem Bericht jüngst verpasst, solche Leitplanken festzulegen und damit für Rechtssicherheit und Chancengerechtigkeit zu sorgen. Die Diskussionen der letzten Monate haben deutlich gemacht, dass das Parlament damit nicht einverstanden ist und nun selbst die notwendigen Leitplanken setzen will. 

Vroni Thalmann-Bieri

ist Mitglied der Kommission für Soziale Sicherheit und Gesundheit (SGK) und SVP-Nationalrätin für den Kanton Luzern. Sie ist als Bäuerin tätig und Sozial­vorsteherin der Gemeinde Flühli.

Ursula Zybach

ist SP-Nationalrätin für den Kanton Bern und Mitglied der Finanzkommission. Sie ist Präsidentin des Spitex Verbandes Kanton Bern und von Casafair Schweiz.

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