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Nur gemeinsam gelingt die Lösung

Demografischer Wandel, Fachkräftemangel und steigende Kosten belasten die ambulante Pflege. Abhilfe schaffen einzig ganzheitliche Ansätze.

Hannes Blatter, Inhaber der Hannes Blatter GmbH

27. Februar 2026

Die ambulante Pflege in der Schweiz steht unter zunehmendem Druck. Allein schon der demografische Wandel führt zu einem markanten Anstieg des Pflegebedarfs. Bis 2040 müssen rund 140 000 zusätzliche Personen versorgt werden – ein Zuwachs von rund 43 Prozent. Eine stärkere Ambulantisierung kann den Druck auf die Pflegeheime mindern, erhöht jedoch die Belastung für Spitex und intermediäre Strukturen erheblich. Die Komplexität der Fälle nimmt weiter zu – bedingt unter anderem durch Multimorbidität, medizinischen Fortschritt und instabile soziale Lebenslagen. Der Mangel an qualifizierten Pflegefachpersonen verschärft die Situation zusätzlich und gefährdet die nachhaltige Sicherstellung der ambulanten Versorgung. Die Gewährleistung von Betreuung wird zum zentralen Erfolgsfaktor einer ambulanten Versorgung. Ohne tragfähige familiäre oder professionelle Unterstützungsnetzwerke wird eine stärkere Ambulantisierung nicht gelingen.

Die bestehenden vier Strukturen (informell, ambulant, stationär und intermediär – siehe Infografik auf den Seiten 4 und 5) können nicht einfach ausgebaut und nach oben skaliert werden. Um die heutige Versorgungssituation für ältere Menschen auch in Zukunft sicherstellen zu können, wird Innovation zur Pflicht. Und es wird alle vier Strukturen brauchen. Zudem wird das Gesundheitswesen die Probleme nicht alleine lösen können. Der Einbezug des Sozialwesens wird zu einem Schlüsselfaktor für eine gelingende Ambulantisierung.

Unterschiedliche Akteure

Die ambulante Pflege in der Schweiz wird von drei Akteuren sichergestellt: von gemeinnützigen und öffentlich-rechtlichen Unternehmen, erwerbswirtschaftlichen Unternehmungen und selbstständigen Pflegefachpersonen. 2023 beschäftigten sie 29 000 Vollzeitäquivalente (VZÄ) und die Kosten lagen bei 3,3 Milliarden Franken jährlich (+7,3 Prozent gegenüber 2022). Dabei schlossen die gemeinnützigen und öffentlich-rechtlichen Unternehmen mit einem Defizit von 7,5 Millionen Franken ab. Demgegenüber konnten die gewinnorientierten Unternehmen einen Gewinn von 16,8 Millionen Franken erzielen.

«7397 Vollzeitstellen fehlen den Spitex-Organisationen bis 2040 bei «unveränderter Versorgungspolitik».

2023 hat die ambulante Pflege in der Schweiz etwas über 415 000 Personen betreut (+1,5 Prozent gegenüber 2022). Vor zehn Jahren war rund die Hälfte der versorgten Menschen über 80-jährig. 2023 lag der Anteil nur noch bei 38 Prozent. Daneben ist jedoch die Pflegeintensität gestiegen: von 53 Stunden (2022) auf 56 Pflegestunden (2023) pro Klientin oder Klient. Aus diesem Grund erhöhte sich der jährlich in Rechnung gestellte Betrag von 2022 auf 2023 um 14 Prozent auf über 5500 Franken pro Fall.

Die neusten Bevölkerungsszenarien gehen davon aus, dass bis 2040 die Überalterung der Bevölkerung in der Schweiz stark zunehmen wird.1,2 Dieses Wachstum dürfte mindestens bis ins Jahr 2070 anhalten.3 Bei einer «unveränderten Versorgungspolitik» müssten in den nächsten 15 Jahren 626 neue Pflegeheime (mit jeweils 59 Langzeitbetten) gebaut werden und die Spitex-Organisationen müssten 7397 neue VZÄ anstellen.

Verlagerungspotenzial durch Ambulantisierung?

Der Wachstumsdruck bei den Pflegeheimen kann gebremst werden, indem die Versorgung von Personen mit tiefen Pflegestufen (0–3) neu ambulant (zu Hause oder in intermediären Strukturen) stattfindet. Gemäss Obsan dürften dank dieser Verlagerung die Kapazitäten der Pflegeheime bis 2035 ausreichen. Bei konsequenter Umsetzung würden die Pflegeheime schweizweit um rund 10 000 Betten entlastet. Umgekehrt müsste die ambulante Langzeitpflege zusätzlich rund 15 000 Personen mehr betreuen.

Bei dieser Betrachtungsweise werden die informellen Strukturen oft ausser Acht gelassen. Pflege, wie sie heute verstanden und finanziert wird – als fast ausschliesslich medizinische Dienst­leistung –, reicht allein nicht aus. Sie ist zeitlich begrenzt und setzt voraus, dass die betreuten Personen im Alltag unterstützt werden. Wer seinen Alltag nicht selbst meistern kann, ist auf Betreuung angewiesen – unabhängig von der Wohnform. Für die Ambulantisierung in der Langzeitpflege braucht es zwingend Angehörige und/oder funktionierende Betreuungsstrukturen.

Heute übernehmen Angehörige den grössten Teil dieser unbezahlten Sorgearbeit. Doch die familiären Ressourcen schwinden: Familien werden kleiner, leben weiter auseinander, berufliche Verpflichtungen steigen und die Anzahl Ein-Personen-Haushalte wächst. Die Komplexität der Fälle in der ambulanten Pflege nimmt laufend zu. Ein Grund dafür sind die Fortschritte in Medizin und Medizintechnik, die ambulante Behandlungen ermöglichen, welche früher stationär durchgeführt werden mussten. Dies zeigt sich auch in der Zunahme der Pflegestunden pro Klientin bzw. Klient und insbesondere in der Steigerung der Kosten (+14 Prozent von 2022 auf 2023). Darüber hinaus verschärft der Mangel an qualifizierten Pflegekräften die Situation.4

Es braucht alle vier Strukturen

Für die Versorgung der Menschen mit Bedarf an Langzeitpflege wird die Schweiz alle vier Versorgungsstrukturen brauchen: Pflegeheime, Spitex-Organisationen, intermediäre und informelle Strukturen. Letztere dürften angesichts der aufgezeigten gesellschaftlichen Veränderungen in der Leistungsfähigkeit und -bereitschaft eher zurückgehen. Bei den Pflegeheimen ist der Druck auf zusätzliche Betten zu mildern – durch den forcierten Ausbau bei der ambulanten Pflege und insbesondere den intermediären Strukturen. Bei den intermediären Strukturen befindet sich die Schweiz – mindestens statistisch – im Blindflug. Das muss sich ändern, denn gerade in diesem Bereich steckt ein grosses Potenzial.

Die Betreuung ist einer der Schlüsselfaktoren für die Bewältigung der ambulanten Pflege. Das Gesundheitswesen tut gut daran, das Sozialwesen miteinzubeziehen. Eine intakte Betreuungssituation entlastet die Pflegefachkräfte und ermöglicht erst eine konsequentere Ambulantisierung der Leistungen. Schon heute existieren Lösungen, welche den Einbezug des Sozialwesens umsetzen. Interessant sind beispielsweise die CAT (Centre d‘accueil temporaire) im Kanton Waadt, das Projekt Health 2040 oder das Forum 60+ der Stadt Luzern und ihre Ansätze rund um die Anlaufstelle für Altersfragen.

Neue Konzepte ohne Doppelspurigkeiten

2024 hat die Stimmbevölkerung die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen (EFAS) angenommen. Die Pflege wird am 1. Januar 2032 integriert. Dies bietet die einmalige Chance, die Tarifstrukturen in der Langzeitpflege zu überdenken. Im besten Fall gelingt es, die Komplexität der Tarifstruktur zu reduzieren und die Durchlässigkeit zwischen ambulanter und stationärer Leistungserbringung zu erhöhen.

Stationäre Leistungserbringer, beispielsweise Akutspitäler, entwickeln neue Versorgungskonzepte, die ebenfalls die Ambulantisierung fördern, Dienstleistungen in den eigenen vier Wänden erbringen und so die stationären Strukturen entlasten. Hospital@home ist eines dieser Konzepte. Solche Strukturen dürfen aber nicht zu Doppel­spurigkeiten führen, sondern im Gegenteil zu Synergien mit bestehenden ambulanten Strukturen.

Ein Fortschreiten der heutigen Ansätze (mehr Personal, mehr Häuser) kann nicht die Lösung sein. Es braucht neue Denkweisen und deutlich mehr Austausch, damit bereits bestehende Ansätze gewinnbringend übertragen werden können. «Die Zukunft muss von der Zukunft her gedacht werden und nicht als Fortsetzung der Gegenwart.»5 Davon ist der Sozialpsychologe Harald Welzer überzeugt. Ich auch. 

Quellen

1 Bundesrat (2025). Pflegeleistungen von Angehörigen im Rahmen der obligatorischen Krankenpflegeversicherung. Bericht des Bundesrates vom 15. Oktober 2025. Bern.

2 Kohli, R. & Probst, J. (2025). Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz und der Kantone 2025–2055. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

3 Pahud, O., Pellegrini, S., Dorn, M., Dutoit, L. & Zufferey, J. (2025). Bedarf an Alters- und Langzeitpflege in der Schweiz. Aktualisierung der Bedarfsprognosen bis 2040 mit Blick bis 2050 (Obsan Bericht 09/2025). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobser­vatorium.

4 Merçay, C., Grünig, A. & Dolder, P. (2021). Gesundheitspersonal in der Schweiz – Nationaler Versorgungsbericht 2021. Bestand, Bedarf, Angebot und Massnahmen zur Personalsicherung (Obsan Bericht 03/2021). Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

5 Welzer, H. (2019). Alles könnte anders sein: eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen. Frankfurt am Main: S. Fischer.

Hannes Blatter

ist Inhaber der Hannes Blatter GmbH (Politik­beratung & Kommunikation), Dozent an der Hochschule Luzern – Wirtschaft, Verwaltungsrat der Viva Luzern AG, Geschäftsführer des Luzerner Forums für Sozialversicherungen und leitet die Projektkoordination für die Entwicklung der neuen Tarifstruktur-Organisation EFAS Pflege im Auftrag der Tarifpartner.

Vollständiges Literaturverzeichnis

Bundesamt für Statistik (2024). Die Kosten der Alters- und Pflegeheime und der Spitex-Dienste sind 2023 stark gestiegen. Medienmitteilung vom 12.11.2024. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

Kägi, Wolfram et al. (2021). Gute Betreuung im Alter – Kosten und Finanzierung. Basel: BSS Volkswirtschaftliche Beratung AG.

Knöpfel Carlo (2024). Von stationär zu ambulant: Eine Zeitreise in die Zukunft. Referat am Luzerner Kongress Gesellschaftspolitik. Luzern. 27.11.2024.

Kohli, R. (2021) Szenarien zur Entwicklung der Privathaushalte in der Schweiz und in den Kantonen 2020-2050. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik.

Kraft, E., Lehmann, J. & Büchler, S. (2023). Alterswohnungen und Angebote des Betreuten Wohnens für ältere Menschen in der Schweiz. Neuchâtel: Gesundheitsobservatorium.

Laporte, A., & McMahon, M. (2016). Aging and long‐term care. In R. M. Scheffler (Ed.), World Scientific series in global health economics and public policy: Vol. 2 (pp. 43–82). Singapore: World Scientific Publishing Co. Pte. Ltd.

Otto Ulrich, Leu Agnes, Bischofberger Iren, Gerlich Regina, Riguzzi Marco, Jans Cloé, Golder Lukas (2019) Bedürfnisse und Bedarf von betreuenden Angehörigen nach Unterstützung und Entlastung – eine Bevölkerungsbefragung. Entwurf Schlussbericht Forschungsmandat G01a des Förderprogramms. Auftraggeber: Bundesamt für Gesundheit. Zürich.

Wächter, Matthias; Kessler, Oliver (2019). Pflege und Betreuung 2035 – Braucht die Schweiz eine Pflegeversicherung? Luzern: Stiftung Kranken- und Unfallkasse Konkordia.

Werner, Sarah, Kraft, Eliane, Elbel, Roman & Kreienbühl, Michèle (2021). Intermediäre Strukturen für ältere Menschen in der Schweiz 2021. Neuchâtel: Schweizerisches Gesundheitsobservatorium.

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