18.02.2020 | Von Roland Hügi

Mensch als zentraler Faktor bleibt unersetzlich

Künstliche Intelligenz eröffnet bei der Ermittlungsarbeit der Polizei neue Perspektiven. Aber sie ist kein Allerheilmittel, sagt Michael Muther* von der Luzerner Polizei.

Als Michael Muther 1995 noch als uniformierter Polizist durch die Strassen der Stadt Luzern zog, waren Digitalisierung und künstliche Intelligenz für die meisten Menschen noch Fremdwörter. Heute prägen beide Begriffe den polizeilichen Alltag. Gerade wenn es darum geht, die schier unglaublichen Datenmengen auszuwerten, die beispielsweise bei einem Wirtschaftsdelikt anfallen, nimmt die künstliche Intelligenz einen immer wichtigeren Stellenwert ein. Das neuste Wunderding, das bei der Luzerner Polizei ab 2020 zur Anwendung kommen soll, heisst Watson. Das Computerprogramm der Firma IBM wird es erlauben, die Datenfluten zu bündeln. Aus einem unstrukturierten Datenberg wird so letztlich eine übersichtliche Datenstruktur. «Die Maschine sortiert, der Mensch interpretiert», umschreibt Michael Muther die Arbeitsteilung. Gerade im Bereich der Wirtschaftskriminalität oder bei bandenmässigen Straftaten stellen Daten einen Rohdiamanten dar – der allerdings geschliffen werden muss. Je akribischer eine Datenauswertung erfolgen kann, desto mehr Zusammenhänge kann man erkennen. «Und im besten Fall können wir sämtliche Puzzleteile zusammenfügen und einen Fall lösen.»

«Für mich ist künstliche Intelligenz kein Allerheilmittel, und wir sollten uns nicht falschen Illusionen hingeben.»

Michael Muther

Kein Fall landet in der Schublade

Es liegt zwar in der Natur der Sache, dass die kriminelle Energie immer ein bisschen grösser ist als die Möglichkeiten der Polizei, diese einzudämmen. Aber je feingliedriger die Instrumente werden, welche eingesetzt werden können, desto grösser wird die Chance, einen Fall lösen zu können. Auch wenn dies manchmal erst nach Jahren der Fall ist. «Denn bei uns landet kein ungelöster Fall in der Schublade», sagt Michael Muther. Tauchen neue Fakten, neue Daten oder auch neue digitale Möglichkeiten auf, fliessen diese in die Ermittlungen ein. Die neuste Entwicklung bezieht sich auf die DNA-Analysen. Hier sind Bestrebungen im Gange, künftig die sogenannte Phänotypisierung gesetzlich zuzulassen. Dies würde es ermöglichen, aufgrund einer DNA-Analyse zum Beispiel Rückschlüsse auf Augen-, Haar- und Hautfarbe ziehen zu können – weit mehr also, als es die heutige Gesetzeslage zulässt. Gerade bei schweren Gewaltdelikten würde dies der Polizei erlauben, neue Fakten in die Ermittlungen einfliessen zu lassen und einen heute vielleicht noch nicht aufgeklärten Fall doch noch abschliessen zu können.

Vieles ist ein Hype

Allen Diskussionen rund um künstliche Intelligenz zum Trotz: Michael Muther bleibt realistisch. «Vieles, was im Moment zu diesem Thema herumgeistert, ist noch unausgegoren, und ich buche es als Hype ab.» Nicht selten gehe es eher um «künstlich» denn um «Intelligenz». «Für mich ist denn auch künstliche Intelligenz kein Allerheilmittel, und wir sollten uns nicht falschen Illusionen hingeben.» So toll die Hilfestellungen seien, welche sich gerade im Polizeibereich böten: «Der Mensch als zentraler Faktor bleibt unersetzlich.»



Michael Muther*

hat seine Polizeilaufbahn 1995 bei der Stadtpolizei Luzern als uniformierter Polizist begonnen. Heute ist er Chef Technik und Logistik der Luzerner Polizei. Diese entstand 2010 durch die Fusion von Stadtpolizei und Kantonspolizei Luzern.

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