css.ch

Der Wechsel zu Generika hat Grenzen

Original-Präparate werden günstiger, der Bezug von Generika steigt. Insgesamt wirkt der erhöhte Selbstbehalt – allerdings nicht immer.

Madeleine Piazza-Zemp, Apothekerin FPH

22. Juni 2026

Seit dem 1. Januar 2024 gilt in der Schweiz ein erhöhter Selbstbehalt für Original-Medikamente, sofern diese bedeutend teurer sind als ihre Nachahmerprodukte, sogenannte Generika oder Biosimilars. Sind Franchise und Selbstbehalt noch nicht ausgeschöpft, müssen Versicherte 40 Prozent des Preises selbst tragen. Bei den günstigeren Generika beträgt der Selbstbehalt hingegen 10 Prozent. Vor der Einführung der neuen Regelung lag der Selbstbehalt für teure Original-Präparate bei 20 Prozent. Mit der Erhöhung wollte der Bundesrat gezielt den Wechsel von Original-Medikamenten zu Generika fördern, der bekanntlich im internationalen Vergleich sehr tief ausfällt.

Was hat diese Massnahme bewirkt? Ein Arzneimittelreport1 zeigt, dass sie durchaus Wirkung entfaltet hat. Einerseits senkten aufgrund dessen zahlreiche Hersteller von Original-Präparaten ihre Preise, um nicht mehr unter den erhöhten Selbstbehalt zu fallen. Dies führte unmittelbar zu Einsparungen durch tiefere Medikamentenpreise. Andererseits nahm auch der Bezug von Generika und Biosimi­lars zu. Obwohl diese Entwicklung in die richtige Richtung weist, verlangen Patientinnen und Patienten weiterhin Original-Präparate anstelle von Generika. Woran liegt das?

Verunsicherung in der Bevölkerung

Aus dem Apothekenalltag lassen sich vor allem zwei Gründe identifizieren: Erstens bestehen trotz immenser Aufklärungsarbeit weiterhin Unsicherheiten in der Bevölkerung. Verschreibt eine Ärztin oder ein Arzt ein Original-Medikament, ist es in der Apo­theke deutlich schwieriger, den Kundinnen und Kunden einen Wechsel auf ein Generikum nahezulegen – selbst bei erheblichen Preisunterschieden. Häufig ist die Verunsicherung gross. Hier ist gute Kommunikation gefragt, denn Apothekerinnen und Apotheker sowie Fachpersonen Apotheke haben die Kompetenz, eine Therapie zu evaluieren und gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten zu entscheiden, ob eine Substitution durch ein Generikum sinnvoll und möglich ist. Erklärungen seitens des Apotheken-Fachpersonals werden jedoch nicht immer angenommen oder nicht verstanden. Zusätzlich erschweren sprachliche Barrieren die Kommunikation. Steht auf der angebotenen Medikamenten-Packung ein anderer Name als auf dem Rezept, ist die Skepsis gross. Abhilfe schaffen könnte eine einheitliche Verschreibungspraxis, bei der konsequent die Wirkstoffbezeichnung statt des Markennamens verwendet wird.

«Abhilfe schaffen könnte eine Verschreibungspraxis, bei der konsequent die Wirkstoffbezeichnung statt des Markennamens verwendet wird.»

Zweitens gilt der erhöhte Selbstbehalt nur bis zur Erreichung der Obergrenze von 700 Franken. Danach entfällt der Selbstbehalt vollständig, ebenso der finanzielle Anreiz für einen Wechsel. In diesem Zusammenhang wird auf Kundenseite häufig argumentiert, die Krankenversicherungsprämie sei bereits hoch, nun solle die Versicherung auch die Kosten übernehmen. Ein klassischer Fehlanreiz, denn dabei wird übersehen, dass genau dieses Konsumverhalten langfristig zu steigenden Prä­mien für alle Versicherten führt.

Die Apotheken leisten in diesem Bereich erhebliche Anstrengungen. Mit Plakaten, Informations­flyern und in täglichen Beratungsgesprächen werden Generika und Biosimilars erklärt und die Vorteile eines Wechsels aufgezeigt. Auch die Lagerhaltung hat sich in vielen Apotheken deutlich verändert. Während früher vor allem Original-Präparate vorrätig waren, da sie allen Patentinnen und Patienten abgegeben werden konnten, werden heute häufig mehrere Generika unterschiedlicher Hersteller gelagert, um individuelle Bedürfnisse abzudecken. Denn ein Wechsel von einem Generikum zu einem anderen ist nicht in jedem Fall problemlos möglich. Diese ausgeweitete Lagerhaltung führt zu höheren Kosten und einem erhöhten unternehmerischen Risiko für die Apotheken. Im Interesse der Kostenersparnis und der Patientensicherheit wird dieser Aufwand bewusst in Kauf genommen.

Zusammenspiel von Beratung und Anreizen

Somit sind Apotheken wichtige Anlaufstellen, um die Bevölkerung in ihrer Gesundheitskompetenz zu stärken und Versicherte über die finanziellen Auswirkungen ihrer Entscheide (Generikum oder Original-Präparat) zu informieren. Schritt für Schritt wird dies dazu führen, dass immer mehr Menschen gleichwertige, aber günstigere Generika wählen. Entscheidend für eine nachhaltige Entwicklung ist das Zusammenspiel aus wirksamen Anreizsystemen, einer patientenorientierten Zusammenarbeit der Gesundheitsfachpersonen und kontinuierlicher Information der Bevölkerung. 

Madeleine Piazza-Zemp

ist Apothekerin FPH bei der Dr. Bähler Dropa AG.

Quelle

1 Helsana-Report: Arzneimittel 2025

©2026 CSS