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Angehörige zwischen Fürsorge und Erschöpfung

Sie opfern Zeit, Kraft und oft auch ihre Gesundheit: Angehörige, die ihre Liebsten betreuen, erhalten nur wenig Unterstützung. Wirksame Massnahmen könnten ihre Situation verbessern.

Rahel Habegger, Mitglied der Geschäftsleitung Pro Senectute Schweiz

27. Februar 2026

Gute Betreuung und Pflege zu Hause verbessern die Lebensqualität unterstützungsbedürftiger Menschen und können Heimeintritte verzögern oder verhindern. In der Schweiz leben rund 91 Prozent der über 65-Jährigen zu Hause, während 78 Prozent der Heimbewohnenden über 80 Jahre alt sind. Der gesellschaftliche Trend – getragen vom politischen Willen – geht klar in Richtung einer stärkeren ambulanten und intermediären Versorgung. Der demografische Wandel führt dazu, dass mehr ältere Menschen betreut und gepflegt werden müssen, bei gleichzeitig weniger verfügbaren Fachkräften. Betreuende und pflegende Angehörige sind daher eine unverzichtbare Ressource im Schweizer Versorgungssystem. Während ihre Aufgabe zunehmend an Bedeutung gewinnt, steigt gleichzeitig der Druck auf sie.

Betreuung mit Herz, aber oft auf eigene Kosten

Betreuende und pflegende Angehörige leisten einen vielfältigen und gesellschaftlich bedeutsamen Beitrag. Sie tragen wesentlich bei zur Stabilisierung oder Verbesserung des Gesundheitszustands unterstützungsbedürftiger Personen. Diese Aufgabe kann bereichernd sein – etwa weil sie Sinn stiftet oder die Beziehung zur betreuten Person vertieft. Gleichzeitig belastet sie psychisch, körperlich und oftmals auch finanziell. Nahezu die Hälfte aller betreuenden Angehörigen erlebt diese Belastungen in mindestens einem dieser Bereiche.

Wenn Angehörige überfordert sind, leidet oft die Qualität der Betreuung und Pflege. Im Extremfall kann emotionale Erschöpfung zu unbewusster Misshandlung der betreuten Person führen. Veränderte Familienstrukturen, steigende Erwerbsbeteiligung in der Kernfamilie – insbesondere von Frauen – sowie mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Care-Arbeit verstärken die Belastung zusätzlich. Betreuende und pflegende Angehörige sind keine unendliche Ressource, sondern Menschen mit eigenen Grenzen.

«Betreuende und ­pflegende Angehörige sind keine unendliche Ressource, sondern Menschen mit eigenen Grenzen.»

Mehr Entlastung statt schöne Worte

Soziale und politische Massnahmen sind entscheidend, um betreuende Angehörige zu unterstützen und ihre Pflegebereitschaft zu sichern. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die finanzielle Absicherung durch die öffentliche Hand in der Schweiz gering und stark kantonal geprägt. Zwar sind Hilflosenentschädigung und Ergänzungsleistungen bundesweit geregelt, kantonale Betreuungszuschüsse variieren jedoch deutlich. Für viele Angehörige ist die finanzielle Absicherung Voraussetzung, um Betreuungs- und Pflegeaufgaben überhaupt übernehmen zu können. Deshalb braucht es gezielte Massnahmen wie bessere finanzielle Unterstützung, flexiblere Arbeitszeitmodelle und steuerliche Entlastungen.

Nebst finanziellen Leistungen bieten zahlreiche Angebote direkte Entlastung: Spitex-Dienste, ­Tages- und Nachtbetreuung, Kurzzeitpflege sowie Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und ambulante Pflegedienste. Auch Pro Senectute trägt mit Unterstützungsleistungen wie den Hilfen zu Hause oder dem Coaching für betreuende Bezugspersonen zur Alltagsentlastung bei. Die Freiwilligen von Pro Senectute erleichtern mit ihrem Engagement das Betreuungssystem ebenfalls, wovon alle Beteiligten profitieren: Betreute Personen gewinnen an sozialer Teilhabe, Angehörige an Freiraum und emotionaler Entlastung, Freiwillige an sinnstiftenden Begegnungen.

Modell mit Potenzial – und Risiken

Mit der Anstellung pflegender Angehöriger bei Spitex-Organisationen besteht seit dem Bundes­gerichtsentscheid im Jahr 2019 eine Möglichkeit zur Anerkennung und zur finanziellen Absicherung informeller Pflege durch die Grundversicherung. Angehörige, die bereits eine zentrale Rolle in der Betreuung und Pflege übernehmen, können auch ohne formale Pflegeausbildung angestellt werden und erhalten so Zugang zu professioneller Begleitung sowie sozialer Absicherung. Dieses Modell hat grosses Potenzial, indem es familiäre Nähe mit fachlicher Unterstützung ergänzt und so das ambu­lante Versorgungssystem stärkt. Aufgrund des Missbrauchspotenzials durch die anstellenden Spitex-Organisationen ist jedoch eine sorgfältige und kontrollierte Umsetzung unerlässlich, um die Qualität und Glaubwürdigkeit der Angehörigenpflege langfristig zu sichern. 

Rahel Habegger

ist Leiterin Grundlagen & Politik und Mitglied der Geschäftsleitung von Pro Senectute Schweiz.

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