14.10.2020 | Interview mit Christian Camponovo

«Wie viel sind wir bereit, für Qualität zu bezahlen?»

Der Direktor der Klinik Moncucco in Lugano staunt, dass im Gesundheitswesen Qualitätsansprüche und Aspekte der Wirtschaftlichkeit selten gemeinsam angegangen werden. Ein Gespräch mit Christian Camponovo über Schwierigkeiten bei der Spitalplanung und Lehren aus der Covid-19-Pandemie.

Was charakterisiert die Spitalplanung im Kanton Tessin?

Grundsätzlich unterscheidet sich die Tessiner Spitalplanung nicht von der restlichen Schweiz. Die geografische Lage und die Sprache erschweren die Kooperationen mit anderen Kantonen. Und während sich im Kanton Tessin 40 Prozent der Akutbetten in Privatspitälern befinden, sind dies schweizweit nur ca. 20 Prozent.

Wie sollte zukünftig die Spitalplanung gestaltet sein, damit sie sowohl der Versorgungssicherheit als auch der Qualität gerecht wird und finanzierbar bleibt?

Wichtig ist, dass der Fokus auf Qualität und Wirtschaftlichkeit gleichermassen gelegt wird. Der qualitative Aspekt alleine wäre zu kurz gegriffen, und damit würde man es sich auch zu einfach machen. Denn Qualität lässt sich immer durch gezielte und hohe Investitionen verbessern. Aber es muss doch auch um die Frage gehen, wie viel wir bereit sind, dafür zu bezahlen. Das kommt heute zu kurz. Es braucht klare Kriterien, die von der Politik vorgegeben werden: Wie hoch wollen wir den Qualitätsmassstab ansetzen, und wie erreichen wir das ideale Gleichgewicht zwischen qualitativ hochstehender Versorgung, die zugleich den Kriterien der Wirtschaftlichkeit gerecht wird? Das ist eine Frage, die auch die Versicherer beschäftigen muss. Günstig zu sein, zahlt sich bis heute nicht aus. Es ist eher mit Nachteilen denn mit Vorteilen verbunden, wie sich nicht zuletzt in der Klinik Moncucco zeigt.

Wie macht sich das bemerkbar?

Moncucco ist die günstigste Akutklinik der Schweiz mit einem breiten Leistungs-spektrum – aber es gibt schlicht keine Gegenleistung dafür, dass wir besonders wirtschaftlich sind. Natürlich ist es schwieriger, das hohe Qualitätsniveau zu halten, weil man gewisse Kompromisse machen muss. Aber mich erstaunt immer wieder, dass die Abwägung zwischen Qualität und Kosten bei der Spitalplanung und den Verhandlungen niemanden zu interessieren scheint – zumal hohe Kosten nicht automatisch bessere Qualität bedeuten. Das Gesundheitswesen in der Schweiz basiert heute auf Strukturen, in denen man auch mit 10 oder vielleicht sogar 20 Prozent tieferen Kosten die gleichen Leistungen erbringen könnte.

Welchen Beitrag könnten die Krankenversicherer dazu leisten?

Die CSS verleiht ja eine Qualitätstrophäe, das ist sicher begrüssenswert. Wenn jedoch eine der teuersten Kliniken in der Schweiz ausgezeichnet wird, heisst das schlicht und ergreifend, dass sich niemand für die Wirtschaftlichkeit zu interessieren scheint. Für ein nachhaltig finanzierbares Gesundheitswesen kann die Qualität alleine nie massgebend sein. Es muss sich zwischen diesen beiden Kriterien ein Gleichgewicht einstellen. Die Versicherungen könnten da ihre Rolle stärker wahrnehmen und das Gesundheitswesen besser steuern, indem sie Wirtschaftlichkeits- und Qualitätsdaten analysieren.

Haben wir zu viele Spitäler in der Schweiz?

Solange die Kriterien in Bezug auf Qualität und Wirtschaftlichkeit erfüllt sind, ist aus meiner Sicht nicht entscheidend, über wie viele Spitäler die Schweiz verfügt. Bei zu starken Eingriffen besteht die Gefahr, dass wir zwar Kliniken schliessen, aber nicht zwingend die richtigen – also nicht jene mit den grösseren Problemen in Bezug auf Qualität und Wirtschaftlichkeit. Mit Blick nach Deutschland denke ich, wir brauchen Geduld, der Markt wird das mit der Zeit regeln. Wir sind uns alle einig, dass Spitäler mit 20 oder 30 Betten keinen Sinn machen. Aber ich kenne wenig Daten, die belegen, dass grosse Spitäler automatisch besser und günstiger abschneiden als mittelgrosse.

Das Tessin war von der Covid-19-Pandemie besonders stark betroffen, und die Klinik Moncucco wurde zum Behandlungszentrum. Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Erfahrungen?

Wir müssen auf eine Pandemie künftig sicher besser vorbereitet sein – Pandemiepläne waren bis anhin nicht unsere Stärke. Die Planung selbst sollte vom Bund ausgehen und dann über die Kantone in die Spitäler gelangen. Gleichzeitig müssen wir eine gewisse Flexibilität behalten, denn Pandemien können sich immer anders als erwartet entwickeln. Während der Corona-Pandemie standen plötzlich die Intensivbetten im Zentrum und nicht, wie ursprünglich bei Grippeszenarien erwartet, eine grössere Anzahl an Patienten, die mehr oder weniger krank sind. Alle bestehenden Spitalstrukturen aufrechtzuerhalten, um für eine eventuelle zukünftige Pandemie bereit zu sein, scheint mir keinen Sinn zu machen. Die Anzahl der Betten ist nicht ausschlaggebend, um für eine Pandemie gewappnet zu sein. Bei uns in der Klinik Moncucco hat sich zudem gezeigt, wie wichtig es ist, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Fachärztinnen und -ärzten funktioniert. Transversale, also überfachliche Kompetenzen werden generell immer wichtiger, da die Anzahl polymorbider Patienten zunimmt. Gerade in Pandemiezeiten müssen wir interdisziplinär arbeiten. Die flache Hierarchie in unserer Klinik hat sich dabei bewährt. Die Führungskultur und die Organisationsstruktur sind wichtige Elemente, nicht nur während einer Pandemie, sondern generell. Man kann aber nicht alles planen und steuern, dafür ist das Gesundheitswesen viel zu kompliziert.



Christian Camponovo

ist seit 2005 Direktor der Clinica Luganese Moncucco in Lugano. Nach dem Physikstudium an der ETH Zürich arbeitete er einige Jahre im Schnee- und Lawinenforschungsinstitut in Davos und später als Berater in der Qualität und Datenanalyse. Der Sprung ins Gesundheitswesen gelang ihm dank grossem Interesse und viel Neugier.

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