Beda M. Stadler

geboren 1950 in Visp (VS), ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts fur Immunologie an der Universitat Bern. Er ist bekannt fur seine bissigen Aussagen zu medizinischen sowie gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen.

Kolumne vom 12.06.2018

Selbstlose Politiker, die Verantwortung übernehmen?

Der gesunde Menschenverstand ist oft gesünder, als man denkt. Es weiss nämlich jeder, wo man bei den Gesundheitskosten sparen könnte. Vielen Mitbürgern ist zwar das schlechte Gewissen beim Einsenden der Rückforderungsbelege an die Krankenkasse abhandengekommen. Jeder tut es scheinbar hemmungslos, also macht man es auch. Zahlt die «Gesundheitskasse» noch einen Teil des Freizeit- oder Fitnessprogramms, das man ohnehin gebucht hat, oder sogar Wellness und Alternativmedizin, die man nur zum Trost braucht – noch besser. Würde man das nicht in Anspruch nehmen, fühlte man sich so, wie wenn man eine Hunderternote auf einem einsamen Trottoir nicht aufheben würde.

Verkorktes Gesundheitssystem

Wir Schweizer haben uns an die grosszügigen Leistungen unseres verkorksten Gesundheitssystems gewöhnt. Wer das ändern will, weiss, er würde beim Bürger keine Akzeptanz finden. Wer gibt schon gerne etwas Liebgewonnenes her? Wir brauchen auch keine wissenschaftlichen Studien zu dieser Frage, da Akzeptanz oft nicht von der Wissenschaft abhängt. Das Paradebeispiel dazu ist die Gentechnik, bei der sich die Wissenschaft wirklich einig ist, dass es eine gute Sache wäre. In einer postfaktischen Zeit sind Meinungen eben wichtiger als Fakten. Man darf auch keine Ärzte fragen, wo gespart werden könnte. Sie müssen anders ticken. Überhaupt darf man niemanden fragen, der selber ein Nutzniesser des Systems ist. Und schon gar nicht Ökonomen, die im Zusammenhang mit Krankheit gerne von Markt sprechen.

Einfache Lösung

Die Lösung ist einfach. Wir sollten einen Bundesrat wählen, der nicht ge- liebt und nicht wiedergewählt werden will, aber bereit ist, Klartext zu reden. Ähnlich wie Winston Churchill 1940 während des Zweiten Weltkriegs vor dem britischen Unterhaus: «Ich habe nichts zu bieten ausser Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss.» Die Antrittsrede des neuen Bundesrats wäre zugleich die Absichtserklärung, eine neue Krankenkasse einzuführen. Die Rede in Kürze: Erstens, es werden keine Bobos, kein Wellness und kein Voodoo mehr bezahlt. Die Leistungen in der Grundversorgung werden mit gesundem Menschenverstand drastisch gekürzt. Die Krankenkasse soll keinen Trost bieten, sondern helfen, Kranke zu heilen. Zweitens, wir lassen jeden Menschen human sterben, es gibt keine unnötigen Lebensverlängerungen mehr. Drittens, die Krankenkassenprämien sind nur im Notfall für den Eigenbedarf, sie sind nämlich ein solidarischer Beitrag an Mitmenschen, die unsere medizinische Hilfe dringend brauchen. Übrigens könnte es sein, dass dieser Bundesrat – wie einst Churchill – für seine Verdienste geadelt würde.

Kommentare