Beda M. Stadler

geboren 1950 in Visp (VS), ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts fur Immunologie an der Universitat Bern. Er ist bekannt fur seine bissigen Aussagen zu medizinischen sowie gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen.

Kolumne vom 14.10.2020

Interessenkonflikte in der Ausweglosigkeit

Vielleicht sollte man das Thema Spitalplanung und Versorgungssicherheit mal mit kindlicher Naivität angehen. Aus diesem Blickwinkel hatte ich lange den Eindruck, die grössten Häuser im Dorf seien Kirchen. Wann immer aber neue, prunkvolle Häuser entstanden, waren dies meistens Banken, und in letzter Zeit hatte ich sogar das Gefühl, dass die schönsten und grössten Häuser Krankenkassen waren. Woher die Kirchen oder später die Banken das Geld nahmen, um prunkvolle Gebäude in die Landschaft zu stellen, ist wahrscheinlich kein Geheimnis.

In die Zeit der Krankenkassen-Tempelbauten fiel auch die Diskussion, dass die Ärzteschaft sich finanziell zu stark am Gesundheitssystem bediene. Gleichzeitig entstanden schweizweit immer mehr Spitäler, meistens trostlose architektonische Objekte und oft an bester Lage. Die vielen Spitäler verhiessen den Patienten eine bessere Pflege, ausstaffiert mit den besten Ärzten. Ja, Ärzte sind in diese Spitäler eingezogen, aber die Hausärzte verschwanden. Die Kostenspirale drehte sich weiter, sodass die Kantone – vormals oft noch Bauherren der Spitäler – die Sparschraube ansetzten.

«Wer darf Profit im Gesundheitswesen machen – und wie viel?»

Hier könnte man noch mehrere Seiten füllen mit Baustellen und Problemen unseres Gesundheitssystems. Ich will aber bei der kindlichen Betrachtungsweise bleiben, mit der ich als Verantwortlicher für ein Institut mit Labordienstleistung meine Spitalleitung genervt habe. Da der kantonale Spardruck als lineare Sparmassnahme an alle Institute weitergegeben wurde, fragte ich: Wie soll ich sparen, wenn die Aufträge von anderen kommen? Soll ich das Analysenangebot verkleinern, auch wenn der Patient darunter leidet? Soll ich das Angebot erweitern, mehr Profit machen auf Kosten der Krankenkassen? Die Spitalleitung gab nie eine Antwort, schliesslich musste sie selber Profit erwirtschaften.

Vielleicht sollten wir alle ganz naiv fragen: Wer darf Profit im Gesundheitswesen machen – und wie viel?

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