Beda M. Stadler

geboren 1950 in Visp (VS), ist emeritierter Professor und war Direktor des Instituts fur Immunologie an der Universitat Bern. Er ist bekannt fur seine bissigen Aussagen zu medizinischen sowie gesundheits- und gesellschaftspolitischen Themen.

Kolumne vom 14.02.2019

Eigenverantwortung und Kindermädchen-Staat

Meine Generation hat sich gegen das Tragen von Sicherheitsgurten gewehrt, weil wir fanden, das schränke unsere Eigenverantwortung ein. Verständlich, schliesslich waren wir trotz Kinderspielzeug mit bleihaltigen Farben gross geworden und trugen erstmalig im Militär einen Helm. Der Gepäckträger unseres Fahrrads galt als Beifahrersitz, und dank «Eutra», dem Melkfett, wurden wir rasch braun. Von meinen Klassenkameraden, vom Kindergarten bis zur Uni, leben zum Glück noch fast alle, und keiner ist an etwas gestorben, das der heutige Kindermädchen-Staat seit damals verordnet, verboten oder kriminalisiert hat.

Das Erstaunliche ist, wie wenig Widerstand dieser staatlichen Vorsorge bisher entgegengesetzt wurde. Es ist gar fast unheimlich, wie duldsam sich Raucher den Verboten gebeugt haben. Seit der Staat fast alles, was Spass macht, besteuert oder verbietet, scheint eine neue Generation heranzuwachsen, die sich an das Bemuttern bereits gewöhnt hat. Falls Sie von mehreren Müttern gleichzeitig gelyncht werden wollen, müssen Sie bloss in einer Kita versuchen, süsse Bonbons zu verteilen.

«Der Gepäckträger unseres Fahrrads galt als Beifahrersitz, und dank ‹Eutra›, dem Melkfett, wurden wir rasch braun.»

Die meisten Prämienzahler scheinen bereits einen neuen Begriff zur Eigenverantwortung verinnerlicht zu haben: Jeder ist selber verantwortlich, etwa gleich viel aus der Krankenkasse herauszuholen, wie er als Prämien einbezahlt hat. Gibt es für die heutige Jugend überhaupt noch Modelle, um Eigenverantwortung zu üben? Unsere Nahrungsmittel und alle Konsumgüter sind geprüft, zertifiziert und mit Label versehen, sodass es praktisch gar nicht mehr möglich ist, selbst einen Fehler zu machen. Falls etwas passiert, ist also meistens jemand anderes schuld.

Da der Prämienzahler die Eigenverantwortung verlernt hat, sollte man auch keine weitere Hoffnung daraufsetzen und diese einfach verordnen. Falls Versicherungen und Leistungserbringer bereit sind, aus der Grundversorgung alles, was mit Wellness, Befindlichkeit, kleinen Bobos oder Krankheiten zu tun hat – die sich auch mit Hausmittelchen behandeln lassen –, herauszustreichen und die Franchisen zu erhöhen, wäre ein erster Schritt getan. Wer das brutal findet, soll mal ohne Portemonnaie mit seinem kranken Hund, also einem lieben Wesen ganz ohne Selbstverantwortung, zu einem Tierarzt. Nach einem solchen finanziellen Lehrstück wird vielleicht klar: Die Solidarität im Gesundheitswesen zählt auf die Eigenverantwortung.

Kommentare

  1. Franchisen erhöhen hat leider den Nebengeschmack, dass Chronisch Kranke Gefahr laufen, zu spät adäquate ärztliche Hilfe einholen, was ‚per se’ bei den Prämienzahlern zu höheren Kosten führt, weil die Eigenverantwortung nur die Franchise und den Selbstbehalt betrifft. Für die einen ein Trinkgeld, weshalb die Eigenverantwortung keine Rolle spielt, für die Anderen eine Armutsfalle! Ein Denkfehler, Eigentor, anstatt endlich die asolidarische Kopfprämie aufzugeben. Dann gehen zwar die Reichen nach wie vor wegen jedem BoBo zum Arzt, aber wenigstens bezahlen Sie endlich mehr dafür und bereichern sich nicht mehr menschenverachtend auf Kosten der sozial Schwächsten!

    1. Zum Glück gibt es keine obligatorische Krankenversicherung für Haus- & Nutztiere, dann würden die Tierärzte ebenfalls nur noch mehrheitlich auf deren Gelbeutel schauen und sich aus diesem Selbstbedienungsladen grossartig bedienen! Ich habe leider zu viele Kolleginnen und Kollegen kennengelernt, denen das eigene Portemonnaie stets wichtiger war als letzten Endes das Wohl der Tiere, welches man aber ständig den Besitzern vorgeheuchelt hat. Zuerst ist man voller Illusionen, dann holt einem der harte Kampf um Wirtschaftlichkeit schnell einmal ein! Deswegen hört und erfüllt ein Tierarzt in erster Linie auf die Wünsche der Besitzer/des Auftraggebers, da er ja auf Kundschaft angewiesen ist! Ein Tier kann aber weder sprechen noch seine Rechnung bezahlen (was auch gut ist, da ein seriöser Tierarzt so nicht durch Falschaussagen des Tieres einfach Wohlfühlbehandlungen einleitet)! Ich habe deswegen einige Besitzer vor die Türe gestellt, weil ich in erster Linie das Wohl des Tieres schützte und deswegen nicht bereit war, aus Geldgier die dämlich überzogenen Vorstellungen und Wünsche (Überversorgung) der Haustierbesitzer zu erfüllen (Als Nutztierarzt war es genau das Gegenteil, dort haben die wirtschaftlichen Interessen Vorrang, was leider für das Tier und dessen Wohl zu einer Unterversorgung führt). Der Tierarztjob hat in der Bevölkerung nach wie vor aber grosses Ansehen, in Tat und Wahrheit ist es jedoch der verlogenste Job, den man als Mediziner überhaupt ausführen kann … Ich wurde sogar von einem äusserst eigennützigen Kollegen fristlos entlassen, weil ich ohne Probleme das Kalb normal herausholte, die Bauern der Umgebung sich sogleich wunderten und mich in allen Tönen lobten, wo dieser jeweils aus reiner Geldgier stets Kaiserschnitte machte … Soviel zur Ehrlichkeit unserer höchst eigennützigen Kolleginnen und Kollegen. Ganz Recht, wenn man Inkasso-Probleme hat, da viele der Tierarztbranche sowieso geschickt abzocken (Ausnahmen bestätigen natürlich stets die Regel).

  2. Guten Abend Herr Stadler, der von Ihnen gewählte Ansatz ist interessant und in vielen Fällen auch richtig. Zusätzlich sehe ich zusätzlich noch zwei weitere Probleme, einerseits in einer immer egozentrisch werdender Gesellschaft, andererseits in einem gefährlichen Pseudowissen der Patienten aus dem Internet.
    President Kennedy hat es damals wunderbar auf den Punkt gebracht: Frag nicht zuerst, was dein Land für Dich tun kann, sondern, was Du für dein Land tun kannst. Das zunehmende Fehlen des solidarischen Grundgedankens unseres Zusammenlebens fordert auch hier immer mehr seinen Tribut. Die vorherrschende Meinung ist heutzutage die, dass die Krankenversicherung eine Art Buffet à la discetion ist, an dem man sich bedienen darf. Immerhin hat man ja bereits jahrelang einbezahlt und bisher nichts bekommen. Erschwert wird das Ganze durch die Verbreitung von Pseudowissen und Halbwahrheiten insbesondere übers Internet. Da wird gegoogelt bis nach den Fingern auch der Kopf raucht. Mit dem einzigen Resultat: zuerst war man besorgt, aber nun hat man richtig Angst! Jetzt, und erst jetzt geht Mann/Frau zum Arzt. Eigentlich ist man anfänglich der Meinung an einer banalen Erkrankungen zu leiden. Im Internet aber wird man eines besseren belehrt, hier werden die wahnwitzigsten Verdachtsdiagnosen gestellt. Dr. Google sei dank. Und dass der Arzt sieht, dass man es ernst meint, wird auch gleich ein Ausdruck der Internetseite mitgebracht. Nun- wie erklärt man einem Patienten, dass er an einem nervösen Magendarmtrakt leidet und nicht etwa an einer tödlichen abdominellen Tularämie? Man erklärt nicht- weil bringt nichts- man klärt ab. Koste es was es wolle…

    1. „Man erklärt nicht – weil bringt nichts – man klärt ab. Koste es was es wolle“ – Genau diese kostentreibende eigenbereichernde Missachtung von WZW dank Leistungserbringer wie Ihnen treibt dank der lukrativen Apparatemedizin die Kosten in die Höhe! Leistungserbringer wie Sie haben offensichtlich Angst um deren Ruf und damit deren Wirtschaftlichkeit, wenn Sie nein sagen und erklären, weshalb, weil sich das herumsprechen könnte! Also lieber einmal, zweimal, dreimal etwas zusätzlich abklären, beruhigt ja meinen Patienten und bringt erst noch Geld! Entschuldigung, aber ich hoffe, dass die Kassen Ihnen gegenüber sogleich ein Wirtschaftlichkeitsverfahren einleiten und punkto Indikationen der geleisteten Diagnoseoptionen einmal ganz genau auf die Finger schauen! Leistungserbringer wie Sie gilt es in unserem System zu erkennen und zu eliminieren, denn letzten Endes ist es stets der Arzt, der kostentreibende Massnahmen einleitet, nicht der Patient! Deswegen fordere ich externe Q-Kontrollen von Indikation & Outcome ein, um die unsinnigen Patientenforderungen erfolgreich reduzieren zu können! Denken Sie einmal ganz genau darüber nach, welches herrliche Eigentor Sie gerade für die Ärzteschaft geschossen haben! Das ist eigenbereichernde kostensteigernde Mengenausweitung in Perfektion, welche Sie da betreiben!!!

  3. Franchisen erhöhen hat leider den Nebengeschmack, dass Chronisch Kranke Gefahr laufen, zu spät adäquate ärztliche Hilfe einholen, was ‚per se’ bei den Prämienzahlern zu höheren Kosten führt, weil die Eigenverantwortung nur die Franchise und Selbstbehalt betrifft. Für die einen ein Trinkgeld, weshalb die Eigenverantwortung keine Rolle spielt, für die Anderen eine Armutsfalle! Ein Denkfehler, Eigentor, anstatt endlich die asolidarische Kopfprämie aufzugeben. Dann gehen zwar die Reichen nach wie vor wegen jedem BoBo zum Arzt, aber wenigstens bezahlen Sie endlich mehr dafür und bereichern sich nicht mehr menschenverachtend auf Kosten der sozial Schwächsten!

  4. Lieber Beda. Hat gut getan, das zu lesen. Jetzt geht’s mir besser und ich stosse mit Dir auf die Gepäckträger- und Melchfett-Generation an als Grosspapis, die unsere Erfarungen gerne mit den nächsten Generationen teilen.
    Gruss Cony
    😇🍷

    1. Lieber Cony, als ich Grossvater wurde habe ich mich sehr gefreut, so dass es selbst unserem Buschauffeur aufgefallen ist. Er meinte trocken: „Bilde dir bloss nichts ein auf das Grossvatersein, das ist ein geschenkter Grad!“ 🙂

  5. Beda hat vollkommen recht mit seiner Meinung. Ich kann mich voll und ganz seinen Äußerungen abschließen. Gratuliere Beda zu diesem Artikel!

  6. Eine Erhöhung der Franchise kann nur hingenommen werden wenn die Kassen uns mitteilen um wieviel % die KK-Prämien demzufolge sinken werden.

  7. ……ups, das ist aber zu einfach geraten….! Die von Prof. Stadler beschimpfte Patientenschaft bezahlt schliesslich schlichthin alles. Also auch nicht-effiziente Forschung, nicht-publizierte Misserfolge (die dann an x-Orten nochmals erfolgslos untersucht werden), den selbstverliebten medizinischen Publikationsbetrieb, bei dem über 50 % der Studien nicht reproduziert werden können und als innovativen Patientennutzen deklariert werden.

    Die Krankenkassengeld-Bezüger (Ärzteschaft, Versicherungsangestellte, pharmazeutische Industrien, uam) sind auch ganz gut im nehmen – ich würde sagen, sie sind der Patientenschaft darin deutlich überlegen, da die Patienten von den Preisbildungen und den Abrechnungsmechanismen gänzlich ausgeschlossen sind und nirgends ein rechtlich verbrieftes Interventionsrecht haben.

    Aber was interessiert heute den pensionierten Medizinprofessor seine Lohnbezüge von gestern.

    Nein, ich mag Prof. Stadler nicht folgen! Ich bin der Meinung, die Beschimpfung des geduldigen Bezahlers muss ein Ende finden. Deutlich zunehmen muss die Eigenverantwortung der professionellen Stakholder im Gesundheitswesen, ein zukunftsfähiges System zu entwickeln.