Nicht jede Kontrolle verbessert die Versorgung
Die Papiertiger-Erhebung aus diesem Frühjahr mit mehr als 1800 Gesundheitsfachpersonen zeigt: Viele Ärztinnen und Ärzte erleben heute eine zunehmende Bürokratie, die kaum zur Versorgungsqualität beiträgt. Häufig genannt werden wiederholte Rückfragen und Kostengutsprachen bei langjährigen Therapien sowie Berichte zu unveränderten chronischen Erkrankungen.
Kontrolle braucht Fingerspitzengefühl
Wirksame Kontrollen fördern einen gezielten Ressourceneinsatz. Gefragt sind Lösungsansätze für effiziente Steuerungsmechanismen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Ein Patient erhält seit Jahren eine Langzeit-Physiotherapie. Die Krankenversicherung fragt jedes Jahr nach den Gründen und der Prognose. Die gesetzliche Grundlage für diesen Prüfvorgang ist in der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) festgehalten. Dementsprechend verfasst die Ärztin einen Bericht, schildert, dass eine chronische Krankheit vorliegt, die auch noch in den kommenden Jahren dieselben Auswirkungen auf den Patienten haben wird – und dass die Physiotherapie auch künftig notwendig sein wird. Daraufhin wird – wie auch
in den Jahren zuvor – die Verordnung akzeptiert. Und auch ein Jahr später erhält die Ärztin wieder die identische Anfrage, um abzuklären, ob sich medizinisch etwas verändert hat. Solche Prozesse werden von vielen Gesundheitsfachpersonen nicht als sinnvolle Kontrolle, sondern als Leerlauf erlebt.
Aufkleber für überflüssige Formulare
Genau hier setzt die Papiertiger-Initiative an: Sie macht unnötige administrative Belastungen sichtbar und regt Verbesserungen an. Denn die Ärzteschaft kann diese Entwicklung nicht einfach hinnehmen. Wenn Kontrollen keinen erkennbaren Nutzen für Patientinnen und Patienten schaffen, müssen wir dies offen ansprechen. Dies tun wir mit dem Papiertiger-Aufkleber.

Die Verantwortung für solche sinnlose Bürokratie ist dabei oft weniger bei der Krankenversicherung zu suchen. Vielmehr basieren die meisten Rückfragen auf regulatorischen Vorgaben. Versicherer müssen gesetzlich verlangte Prüfaufgaben erfüllen und werden selbst entsprechend kontrolliert. Deshalb braucht es einen Dialog der Ärzteschaft und der Versicherer mit dem Regulator darüber, welche Kontrollen wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sind – und welche vor allem unnötigen Aufwand erzeugen.
Erfreulich ist, dass inzwischen Bewegung in die Sache gekommen ist: prio.swiss und die FMH arbeiten bereits gemeinsam an konkreten Verbesserungen. Gleichzeitig untersucht eine BAG-Studie erstmals systematisch den tatsächlichen Aufwand administrativer Tätigkeiten im Gesundheitswesen.
Eine Gebühr oder die Erhöhung des Selbstbehalts würde an den strukturellen Ursachen nichts ändern. Wer es sich leisten kann, kommt weiterhin. Wer knapp bei Kasse ist, zögert – im Zweifel zu lange.
Hier gibt es weitere Infos zu den Partnerschaften der Kampagne «Papiertiger».